Sie sind hier:
rbbonline | Archiv

Unruhe beim Karneval der Kulturen: Die Gründer des Karnevals, die Gruppe Afoxé Loni, kündigte ihren Ausstieg an. Die Ursache: Während die ganze Stadt an dem Fest verdiene, gingen die Macher leer aus und müssten sogar noch zuzahlen.
Ab übermorgen zieht wieder ein bisschen Rio-de-Janeiro-Feeling durch die Hauptstadt: Wie immer zu Pfingsten startet dann der Karneval der Kulturen. Ein Riesenspektakel, das Besucher aus ganz Europa anzieht. Für die Stadt ist das bunte Karnevals-Fest längst ein lukrativer Wirtschaftsfaktor geworden, von dem Viele profitieren, - nur die Künstler selbst, die gehen leer aus und das gibt jetzt Zoff. Andrea Everwien.
Die brasilianische Gruppe Afoxé Loni: Jedes Jahr eröffnet sie den Karneval der Kulturen. Weiß steht für Harmonie, gelb für die Liebe - ihr Reinigungsritual soll das Böse, das alltags auf den Straßen herrscht, wegwischen. Afoxé Loni verkörpert den guten Geist dieses Karnevals.
Doch ausgerechnet diese Gruppe steht nun für Ärger: In diesem Jahr ist sie zum letzten Mal dabei. Die Mitglieder erleben den Karneval der Kulturen als Ausbeutung.
Zitat aus ihrer Presserklärung
„Afoxé Loni sagt nein zu dieser Kulturpolitik der Missachtung, Instrumentalisierung und Ausbeutung von kultureller Vielfalt in dieser Stadt…"
Murah Soares, Choreograph Afoxé Loni
„Können Sie sich vorstellen, 15 Jahre für ein großes Festival umsonst zu arbeiten? Das ist nicht fair."
Überall wird mit dem Karneval der Kulturen Geld verdient: 1,3 Millionen Besucher wollen essen, trinken, schlafen. Nur die Künstler, die das Fest tragen, gehen leer dabei aus.
Wer hier auf der Straße tanzt, war vorher beim Choreographen im Workshop. Ab September etwa üben die Amateure von Afoxé Loni. Dafür zahlen sie bis zu 60 Euro. Doch ihre Lehrer sehen davon keinen Cent. Mit dem Geld werden die Kostüme finanziert, die Wagen, die Musik, das Sicherheitskonzept. Allein diese Gruppe kostet das jährlich etwa 7000 Euro - privat finanziert, ohne irgendeine Unterstützung.
Dabei zahlt das Land Berlin jetzt schon viel Geld für diesen Karneval. Geld aus dem Etat der Senatorin für Soziales und Integration.
Carola Bluhm (Die Linke.), Senatorin für Integration
„Ich will an der Stelle wirklich noch mal betonen, dass wir als Senatsverwaltung für Integration zuständig, da unsere Basisfinanzierung leisten. Das ist auch keine einfache Geschichte gewesen, wir leisten mit 270.000 Euro einen Beitrag."
270.000 Euro Steuermittel - und kein Geld für die Künstler? Wie kann das sein? Ganz einfach, sagen die Organisatoren im sogenannten Karnevalsbüro: Nur Organisation und Infrastruktur verschlingen zwischen 750.000 und 800.000 Euro.
Nadja Mau, Karnevalsbüro
„Das Geld, was wir hier ausgeben, sind 100 Prozent Kosten für Straßenreinigung, für Toilettenhäuschen an der Straße, für Verkehrsschilder, für 140.000 Programmhefte, für ein ganz paar Postkarten, die wir nur noch verteilen und das ist alles sehr schlank gerechnet."
Die Lücke zwischen dem Geld vom Staat und den tatsächlichen Kosten schließen die Standmieten. Bis zu 140 Euro pro Meter und Tag zahlen die Händler.
Doch sind die Kosten wirklich schlank gerechnet?
Er meint: nein. Harald Grunert, Inhaber der Kneipe „Ständige Vertretung“, Wahlberliner aus Bonn. Seit elf Jahren organisiert er in Berlin den klassischen Karnevalsumzug. Und auch hierhin kommen jährlich zwischen 800.000 und 1 Million Besucher. Grunert kann über den Etat des Karnevals der Kulturen nur staunen.
Harald Grunert, Karnevalist
„Wir sind kostendeckend in den letzten elf Jahren immer mit rund 60.000 Euro hingekommen mit allen Kosten, die zu tragen waren."
So kann man die Veranstaltungen vergleichen: Der traditionelle Karnevalsumzug dauert einen Tag - und kostet 60.000. Der Karneval der Kulturen läuft über vier Tage - dürfte also rund 240.000 Euro verbrauchen.
Doch die realen Kosten liegen bei 750.000 - warum ist der Karneval der Kulturen soviel teurer?
Das Karnevalsbüro gibt keine nachprüfbare Erklärung dafür, nur einen pauschalen Überblick. Danach werden gezahlt für die Durchführung - was auch immer das heißt - 350.000 Euro, für's Personal 210.000, für die Dokumentation und Wettbewerb 30.000, für Steuern und Gebühren 60.000, für Provisionen 50.000 Euro und noch einmal 50.000 Euro für die Öffentlichkeitsarbeit.
Sponsoren sind im Karneval der Kulturen übrigens kaum vertreten. Die Veranstalter fürchten den Kommerz. Deswegen zahlen sie auch lieber die Reinigungskosten selbst, als dass sie die Veranstaltung als Demonstration anmelden.
Nadja Mau, Karnevalsbüro
„Dann ist plötzlich die Veranstaltung wahrscheinlich doch deutlich mehr angefüllt mit Unternehmen, die sich präsentieren wollen oder Parteien, die sich präsentieren wollen. All diese Dinge, wo hinterher die Besucher sagen: 'Oh, das wollen wir aber nicht, der Karneval wird ja so irrsinnig kommerziell'.“
Berlin will den Karneval der Kulturen. Deshalb müssen jetzt alle Beteiligten an einen Tisch - mit offenen Karten. Denn wenn die Künstler gehen, gibt es bald nichts mehr zu verdienen - für niemanden.
Autorin: Andrea Everwien
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/klartext/archiv/klartext_vom_08_06/aushaengeschild__karneval.html