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KLARTEXT
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Mi 08.06.11 22:15

Kinderlärm: Ab 14 Jahren ist Schluss mit lustig!

Kinderlärm - kein Grund zum Klagen. Nachbarn von Kindergärten, Kitas und Spielplätzen müssen Kindergeschrei klaglos ertragen. Ab sofort auch bundesweit. Berlin war Vorreiter - hier gehört Schreien, Kreischen, Lachen und Plärren schon seit Februar 2010 zum guten Ton. Doch ab 14 Jahren ist Schluss mit lustig, auch in Berlin, denn für die Größeren gilt weiterhin: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht! Für Jugendliche auf dem Bolzplatz oder Fußballfeld gelten strengere Lärmgrenzen als für den Straßenverkehr. Warum aber hat die Politik nicht den Mut, das zu ändern? Der Landessportbund ist stinksauer

Kinder müssen toben, schreien, Krach machen dürfen - damit sie sich gesund entwickeln. Da sind sich Experten einig und deshalb hat Berlin im vergangenen Jahr ein entsprechendes Kinderlärm-Gesetz gemacht. Das sagt, dass Kinderlärm von Spielplätzen oder Kindertagesstätten von Anwohnern grundsätzlich toleriert werden muss. Dafür bekamen die Berliner bundesweit viel Applaus. Vor zwei Wochen beschloss der Bundestag sogar, dass das Berliner Gesetz nun bundesweit gelten soll. Nur - Guckt man genauer hin, dann sieht man: Das Gesetz hat richtig dicke Lücken. Katharina Mänz.

Hier geht's um viel mehr als nur um Fußball: Beim Sportclub Berliner Amateure kicken Kinder aus 36 Nationen, mitten in Kreuzberg. Drumherum gleich mehrere soziale Brennpunkte. Der Verein leistet hier echte Integrationsarbeit - und wird dafür sogar vom Bundesinnenministerium gefördert. Und trotzdem: Der Club bangt ständig um seine Existenz, denn die Anwohner müssen mitspielen, damit die Kinder hier trainieren können.

Herbert Komnik, Jugendtrainer S.C. Berliner Amateure
„Wir haben immer das Damoklesschwert des sich beschwerenden Nachbarn über uns. Ein einziger Nachbar, eine einzige Beschwerde vor Gericht würde reichen, und wenn der dann mit seiner Klage erfolgreich vor Gericht bestehen würde, müssten wir in letzter Konsequenz entweder Mannschaften abmelden oder in allerletzter Konsequenz die Spielstätte schließen.“

Diese Sorge treibt auch den Landessportbund um. Der zählt allein in Berlin über 70 Anlagen, auf denen es immer wieder Ärger mit den Nachbarn gibt - wegen des Lärms.

Peter Hahn, Landessportbund Berlin
„Wenn die Flächen uns entzogen werden, haben wir ein gesellschaftliches Problem - weil durch Bewegung wird Aggressionsabbau durchgeführt, Thema Integration ist ein ganz wichtiger Punkt.“

Integration, schön und gut - aber bitte doch leise! Ein genervter Nachbar verklagte den Sportclub wegen Lärmbelästigung. Und seitdem verstaubt hier im Vereinsbüro Trainer Komniks Trillerpfeife in einer Schublade - der Gebrauch höchstrichterlich untersagt. Schlimmer aber: Samstags muss der Platz jetzt um 6 Uhr schließen, am Sonntag sogar schon um drei. Zur allerbesten Kickerzeit sollen die lieben Kleinen leise sein - zum Wohl der Nachbarn.

Kind
„Sie waren ja auch mal Teenager oder Jugendliche und da gehört's halt dazu, beim Fußball rumzuschreien.“
Kind
„Wenn sie hierherziehen, dann müssen sie gucken, wo sie sind. Wir haben den Sportplatz gemietet und man hat hier Geld dafür bezahlt, dass man da drauf spielen darf.“
Kind
„Das sind bestimmt alte Knacker, die nix zu tun haben und suchen nur Probleme.“

Dabei gilt in Berlin schon seit über einem Jahr, was nun auch deutschlandweit Gesetz wird: Kinderlärm ist kein Grund zur Klage. Nur: Die Kinder auf dem Sportplatz haben nichts davon, denn hier gilt weiterhin die so genannte Sportanlagenlärmschutzverordnung. Die schreibt strenge Lärmobergrenzen vor, auch für Kinder.

Peter Hahn, Landessportbund Berlin
„Und da sehen wir Kinder erster und zweiter Klasse – und das wollen und können wir nicht tolerieren, deswegen sind wir auch aktiv geworden und versuchen dort, eine Änderung herbeizuführen.“

Der Landessportbund wünscht sich höhere Lärmgrenzen für Sportplätze: Gemeinsam mit dem Deutschen Olympischen Sportbund fordert er vom Regierenden Bürgermeister, dem Innensenator und der Umweltsenatorin "rasches Handeln" - im Sinne der Kinder und Jugendlichen. Doch die Politik weicht aus: Derzeit sehe man keinen Anlass dafür, Lärm von Sportplätzen anders zu behandeln als bisher.

Monika Kehlbacher, Senatsverwaltung für Umweltschutz
„Der Gesetzgeber hat bisher offensichtlich keinen Handlungsbedarf gesehen, sowohl beim Bund als auch im Land Berlin. Es gibt Stimmen, die sagen, man müsste weitergehende Regelungen treffen, aber das ist eine politische Entscheidung, die getroffen werden muss.“

Heißt auch: Dem Gesetzgeber ging es ausdrücklich nur um Kinder und ihren Lärm - für Jugendliche gelten Grenzen, ab 14 sei nunmal Schluss mit laut und lustig.

Monika Kehlbacher, Senatsverwaltung für Umweltschutz
„Von Jugendlichen hingegen kann man, denke ich, schon etwas mehr Einsicht auch und Rücksichtnahme auf die Belange von anderen Personen verlangen und das ist ein Argument, das dafür spricht, Kinder und Jugendliche in diesem Zusammenhang unterschiedlich zu behandeln.“

Weil auf Sportplätzen neben Kindern auch noch Jugendliche und Erwachsene trainieren, gelten für alle zusammen dieselben unsinnigen Regeln.

Jugendtrainer Herbert Komnik erzählt, dass Politiker seine Fußball-Kinder immer wieder gerne nutzen - zum Vorzeigen, wenn es um Integration geht. Da kommen sie dann vorbei und versichern ihm Unterstützung. Nur: Wenn es um den Lärm und die Probleme mit den Nachbarn geht, dann fühlt er sich - allen Lippenbekenntnissen zum Trotz - ziemlich allein auf dem Platz.



Autorin: Katharina Mänz

Dieser Text gibt den Sachstand vom 08.06.2011 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

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