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Mi 12.10.11 22:30

Bitterer Beigeschmack - Schwedts ehemaliger Ausländerbeauftragter lässt eine ratlose Stadt zurück

Alles schien so klar: Schwedts farbiger Ausländerbeauftragter floh nach mehr als 20 Jahren aus der Stadt an der Oder, vertrieben vom alltäglichen Rassismus, so sein Vorwurf. Prompt erzählten Medien die Story vom braunen Osten. Die Geschichte dahinter jedoch ist komplizierter: Sie handelt von Missverständnissen, Verletzungen und enttäuschten Hoffnungen.

Dieser Mann galt jahrelang als Beispiel für eine gelungene Integration: Ibraimo Alberto, gebürtiger Mosambikaner und bis vor kurzem Ausländerbeauftragter in Schwedt: 21 Jahre hat er in der brandenburgischen Stadt gelebt, hat gegen Rassismus gekämpft und wurde dafür sogar als Botschafter für Demokratie und Toleranz ausgezeichnet. Doch ausgerechnet er hat inzwischen unter Protest die Stadt verlassen: Wegen ihrer Fremdenfeindlichkeit, wie er sagt! Die Medien sprangen bundesweit sehr schnell auf diese Geschichte auf und erzählten die Story vom Rassismus im Osten. Man war sich einig: In Schwedt herrscht Ausländerfeindlichkeit. Doch ein solcher Reflex greift zu kurz: die Geschichte dahinter ist komplizierter. Sie handelt von Missverständnissen, Verletzungen und enttäuschten Hoffnungen - bei allen Beteiligten. André Kartschall und Hanno Christ.

Ibraimo Alberto lebt jetzt in Karlsruhe. Hier hat er einen Job. Er betreut Schwerbehinderte, begleitet sie bei Einkäufen, Arztbesuchen, macht Ausflüge mit ihnen. Solch einen Arbeitsplatz hat er in seiner alten Heimat Schwedt seit der Wende vergebens gesucht. Er sagt, das habe vor allem am Alltagsrassismus gelegen. So hat er es auch den Zeitungen erzählt.

Ibraimo Alberto
„Natürlich bezeichne ich die Leute dort nicht alle als Rassisten, das nicht. Aber die Leute haben einfach nicht genug getan zum Schluss. Ich stand immer da meist alleine da und die Unterstützung war einfach zuwenig.“

In Schwedt an der Oder fühlte sich Ibraimo Alberto im Stich gelassen. Als Schwarzer habe er es hier einfach nicht mehr ausgehalten. Dabei galt er selbst jahrelang als Paradebeispiel für eine gelungene Integration. Er hatte eine Schwedterin geheiratet, mit ihr hat er zwei Kinder. Hier war er Ausländerbeauftragter, wurde in die Stadtverordnetenversammlung gewählt und engagierte sich in der Jugendarbeit.

Im Boxverein von Schwedt erinnern noch immer Fotos an ihn. Er schien Heimat und Freunde gefunden zu haben.

Seine ehemaligen Sportkameraden verstehen nicht, warum er heute an ihrer Stadt kein gutes Haar mehr lässt. Ernst Urban hat Ibraimo Alberto vor mehr als zwei Jahrzehnten nach Schwedt geholt. Er hat Zweifel, dass sein ehemaliger Schützling wirklich den wahren Grund seines Wegzugs nennt.

Ernst Urban, Uckermärkischer Boxverein 1948 Schwedt
„Die jetzige Begründung, dass er in allen Zeitungen, in allen Nachrichten, in allen Sendungen hier auf einmal auftaucht, dass das hier ne ganz, ganz schlimme rechte böse Ecke ist und er hier 21 Jahre auf der Flucht war, das ist einfach nicht zu akzeptieren. So war es nicht, das kann ich Ihnen garantieren.“
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„Was denken Sie, warum er das so sagt?“
Ernst Urban, Uckermärkischer Boxverein 1948 Schwedt
„Ja, darüber mache ich mir schon lange Gedanken. Ich habe in den letzten zwei Jahren festgestellt, dass er immer dünnhäutiger wurde, schneller sich hat reizen lassen, in allem was nicht nach seinen Vorstellungen lief, geglaubt hat, es ist ausländerfeindlich.“

Auch er glaubt Ibraimo Alberto nicht, dass er vor der Ausländerfeindlichkeit geflohen ist. Pfarrer Hans-Reiner Harney vom Bündnis gegen Fremdenfeindlichkeit. Harney war seit vielen Jahren ein Vertrauter für den Ausländerbeauftragten.

Hans-Reiner Harney, Bündnis gegen Fremdenfeindlichkeit Schwedt
„Also er kam zu mir und hat mich gebeten, mit ihm zum Bürgermeister zu gehen. Ich sag, was wollen wir beim BM besprechen? Er sagt, ich will dem BM sagen, dass ich Schwedt verlasse. Und da hat er mich gebeten, dabei zu sein. Und da habe ich es auch erst gehört, dass er gehen will. Und sein Hauptgrund mir gegenüber war eindeutig, dass er keine Arbeit fand und dass er gerne arbeiten wollte.“

Nun schieben es alle auf den fehlenden Arbeitsplatz, sagt Ibraimo Alberto. Dabei habe er oft von seinen Problemen mit dem Alltagsrassismus erzählt. Doch zum Schluss habe eben keiner mehr hinhören wollen. Die Menschen seien von dem Thema nur noch genervt gewesen.

Ibraimo Alberto
„Für jeden war ich da wie ein Stressfaktor. Wenn ich mein Problem mitgeschleppt habe, dann haben sie nur gehört, aber nicht in echt aufgenommen.“

War Schwedts Ausländerbeauftragter vielleicht doch nicht so gut integriert, wie alle dachten? Wenn Ibraimo Alberto seine Wohnung verließ, sei er immer häufiger angepöbelt und angegriffen worden, sagt er. Auch seine Familie sei betroffen gewesen. Mehrere Male erstattete er Anzeige bei der Polizei.

Im März sei es dann zu dem Vorfall gekommen, von dem Ibraimo Alberto sagt, ER war der Auslöser für seinen Wegzug. Nach einem Fußballspiel des FC Schwedt gegen den FSV Bernau soll ein Spieler der Gastmannschaft seinen Sohn wegen dessen Hautfarbe beschimpft haben – mit folgenden Worten:

Ibraimo Alberto
„‚Ich wollte den Neger-Hurensohn totschlagen!’ Aber ganz laut, so dass jeder gehört hat. Natürlich wer schwarz ist, der hat das nicht gehört. Da rein. Da raus. Das hat mich ins Herz gesticht. War ein Stich ins Herz.“

Ibraimo Alberto sagt, er wollte seinem Sohn zu Hilfe eilen. Dann sei auch er beschimpft worden.

Ibraimo Alberto
„‚Was willst Du Du alte Niggersau, Du! Scheiß Schwarzer, Du komm mal her!. Ich schlag dich tot, komm mal her, ich bring Dich um, komm mal her, Du Scheiß Neger, Du alter Sack, Du!’ Aber laut! Hat jeder gehört.“

Aber keiner habe geholfen, sagt Ibraimo Alberto. Der Übungsleiter der Bernauer Mannschaft will es anders gesehen haben. Er sagt: Erst durch Ibraimo Alberto sei die Situation eskaliert.

Jens Herklotz, Mannschaftsverantwortlicher FSV Bernau
„Rassistische Beleidigungen oder ähnliche Dinge konnte ich nicht wahrnehmen. Nach dem Abgang der Spieler in die Kabine gab es verbale Auseinandersetzungen zwischen den Spielern und erst danach habe ich Herrn Alberto mit leichten Drohgebärden aufs Spielfeld kommen sehen.“
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„Was hat er gemacht?“
Jens Herklotz, Mannschaftsverantwortlicher FSV Bernau
„Im Prinzip hat er mit einem Kugelschreiber in der Hand leichte Drohgebärden angedeutet, die ich aber nicht weiter ernst genommen habe, weil wenn man auf dem Fußballfeld oder im Laufe der Jahre unterwegs, so´ne Leute gibt´s immer wieder.“

Und wieder sind es unterschiedliche Versionen einer Geschichte. Fest steht: Ibraimo Alberto hat Anzeige erstattet, die Staatsanwaltschaft ermittelt. Und fest steht auch: Kurze Zeit nach dem Vorfall zog er weg. Und erzählte seine Version in den Medien.

Schwedt habe er viel zu spät verlassen, sein Engagement als Ausländerbeauftragter bereut er sogar. Dadurch sei er erst recht zur Zielscheibe geworden.

Ibraimo Alberto
„Warum habe ich so spät kapiert? Wie dumm war ich, dass es so lange gedauert hat, weil ich habe wirklich versucht wirklich mit all meiner Kraft, all meiner Macht mit all meiner Energie in die Stadt was zu tun aber es ist nichts angesehen, aber keiner wollte das sehen.“

Ernst Urban, Uckermärkischer Boxverein 1948 Schwedt
„Wenn sich jemand 21 Jahre lang in Schwedt wohl gefühlt hat, oder davon die letzten zwei nicht mehr so ganz: Warum ist er dann nicht früher gegangen? Wenn das so prekär gewesen wäre, wie er das jetzt teilweise schildert, dann verstehe ich nicht, warum er nicht früher gegangen ist.“

Ratlosigkeit und Unverständnis auf allen Seiten nach 20 Jahren Zusammenleben.

Wer hat nun recht in diesem Fall? Ich glaube, manchmal gibt es eben einfach unterschiedliche Wahrheiten.

Beitrag von Hanno Christ und André Kartschall

Dieser Text gibt den Sachstand vom 12.10.2011 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

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