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Benedikt XVI. kommt - und Zehntausende wollen mit ihm die Messe im Olympiastadion feiern. Benedikt VXI. kommt - und tausend Kreuze werden aus Protest in die Spree geworfen. Warum polarisiert dieser Papst die Berliner so sehr? Versuche eine Antwort zu finden von Matthias Matussek, Alan Posener und zwei homosexuellen Priestern.
Der Papst kommt morgen nach Berlin und sein Besuch sorgt für Riesenaufregung. Freudigste Erwartung auf der einen, heftigste Proteste auf der anderen Seite. Ein Bündnis gegen den Papstbesuch hat zu einer Massendemo morgen aufgerufen, tausende Menschen wollen unter dem Motto „Keine Macht den Dogmen“ demonstrieren.
Und schon heute waren wir am frühen Abend bei einem ungewöhnlichen Ereignis. Zwei homosexuelle katholische Priester hielten in der evangelischen St. Thomas Kirche in Berlin-Kreuzberg einen Gottesdienst ab, obwohl sie suspendiert sind. Sie riskieren damit ihren Ausschluss aus der Kirche. Christoph Schmidt und Norbert Reicherts fühlen sich als Schwule von ihrer Kirche unverstanden. Rund 500 Menschen unterstützten sie heute.
Schon seit Jahren wird die katholische Kirche von vielen wegen ihrer Sexualmoral angeprangert. Entsprechende Reizthemen spielen auch bei diesem Papstbesuch eine große Rolle. Andrea Everwien und Benedict Maria Mülder haben dazu zwei Papst-Experten befragt und ihre ziemlich kontroversen Meinungen einander gegenübergestellt.
Anti-Papst-Agitation im Internet. Die Berliner Szene macht mobil. Brachial - etwa in diesem Video oder demonstrativ friedlich am letzten Samstag im Regierungsviertel. Kreuze fliegen in die Spree - den Aktivisten geht es ums Ganze.
Lange her: der begeisterte Empfang des Papstes 2005 in Köln - vor allem durch die Jugend. Heute ist von einer Krise der katholischen Kirche die Rede.
Wir haben den Spiegel-Autor Matthias Matussek, einen bekennenden katholischen Abenteurer, und den Springerjournalisten Alan Posener, der den Papst für gefährlich hält, um ihre Stellungnahmen gebeten. Warum fühlen sich gerade von diesem Papst so viele Menschen irritiert?
Matthias Matussek
„Die Kränkung des modernen Menschen durch die Kirche besteht darin, dass die Kirche eine Anklage an die Diesseits-Besessenheit ist. Denn die Kirche macht klar, es gibt eine Gegenwelt zu Suff, Konsum und dem ständigen Partylärm. Es gibt etwas ganz Anderes.“
Alan Posener
„Ich kann verstehen, dass eine alternde Gesellschaft - Sie und ich können ein Lied davon singen - möglicherweise von Partys und Hedonismus nicht mehr so viel hält. Aber bloß, weil wir abgemeldet sind, müssen wir uns doch nicht einem Mann zuwenden, der vom Leben gar nichts versteht."
Papst Benedikt VXI polarisiert. Er sei rückwärts gewandt, sagen die einen über ihn - andere - selbst ehemals linke 68er - finden mit ihm ihr Heil in der Kirche.
Matthias Matussek
„Ich glaube, dass die Kirche die einzige funktionierende Gegenwelt ist, die einzige Widerstandsecke, die wir in unserem merkantilen Zugriff auf alle Lebensbereiche haben. Die Kirche ist ein geschützter Raum und der Papst ist eine Widerstandsfigur gegen Kommerz, Korruption und Gier."
Alan Posener
„Die Lehre des Rabbi Jesus aus Nazareth ist natürlich das radikale Gegenstück zu unserer Konsum- und Leistungsgesellschaft. Aber dass ausgerechnet der Papst, der Vatikan, diese Figuren mit ihren goldverkrusteten Gewändern, mit ihren juwelenbewetzten Tiaren, mit der Vatikan-Bank - diese Macht, die sich mit allen Machthabern der Erde immer gut gestellt hat - dass das eine Alternative sein soll zu einer modernen, liberalen, aufgeklärten Gesellschaft - also, kann sein, aber nicht die Alternative, die wir wählen sollten."
Es gibt viele Reizthemen: Zum Beispiel: Missbrauch
Der Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Priester empörte viele Gläubige. Als im letzten Jahr mehr und mehr Fälle enthüllt wurden, traten über 100.000 Katholiken aus Protest aus der Kirche aus. Die Rolle des Papstes: umstritten.
Matthias Matussek
„Der Papst hat es an Deutlichkeit nicht zu wünschen übrig gelassen: Er hat schon im Hirtenbrief an die Iren klar gemacht, wie verabscheuungswürdig von Priestern, von Geistlichen, solche Verbrechen sind. Die Zahlen sind eindeutig: Es gibt, 0,1 Prozent der Missbrauchstäter sind aus der katholischen Kirche. Die Gesellschaft hat den Eindruck, dass 99 Prozent der Missbrauchstäter katholisch sind, und das ist eine groteske Diffamierung und Kampagne gegen die Kirche.“
Alan Posener
„Er war verantwortlich als Chef der Glaubenskongregation über mehr als ein Jahrzehnt für die Vertuschung, Verheimlichung von sexuellem Missbrauch weltweit, auch in Deutschland. Wenn er nicht diplomatische Immunität genießen würde, wäre es angebracht, ihn von der Staatsanwaltschaft diesbezüglich wegen Strafvereitelung im Amt zu befragen."
Reizthema: Kondom
Bei seinem Besuch in Afrika 2009 betonte der Papst: Der Gebrauch des Kondoms verschlimmere das Aids-Problem. Damit zog er viel Kritik auf sich. Inzwischen räumt der Papst ein, dass der Gebrauch von Kondomen in Einzelfällen moralisch gerechtfertigt sein könne. Um der Verbreitung von Aids entgegenzutreten, setzt er aber grundsätzlich auf die - wie er es nennt- „ Vermenschlichung der Sexualität".
Matthias Matussek
„Viel wichtiger sind die Botschaften, die der Papst aussendet: Treue zu stützen, Familie zu stützen, Achtung vor der Frau zu stützen. All das sind ganz, ganz wichtige kulturelle Prozesse, die viel mehr Wirkung haben als Kondome unters Volk zu streuen.“
Alan Posener
„Es ist klar, dass man mit Kondomen allein dieses Problems nicht Herr wird. Es ist aber klar, dass Kondome ein Teil der Lösung sind. Der Papst sagt aber: Die sind ein Teil des Problems. Damit ist der Papst mit verantwortlich für Aids-Tote in Afrika.“
Reizthema„Homosexualität"
Ein schwules Paar aus Köln, unterwegs in Brandenburg: Norbert Reicherts und Christoph Schmidt. Wir treffen sie an der Ruine eines Franziskanerklosters. Vor 17 Jahren lernten sie sich kennen - als beide Priester waren. Weil sie ihre Homosexualität offen leben, hat der Bischof hat sie vom Dienst suspendiert. Dennoch fühlen sie sich weiter der Kirche zugehörig
Christoph Schmidt
„Weil Gott mich liebt. Ich würde gar nicht hier sitzen, ich würde morgens nicht aufstehen können, wenn ich nicht wüsste, dass ich mit meinem Mann von Gott so geliebt bin. Das ist meine tiefe Überzeugung, das ist mein freier Glaube."
Norbert Reicherts
„ Wir sind in der katholischen Kirche getauft worden, wir sind groß geworden, das ist unsere Heimat, und wir sehen uns auch innerhalb der katholischen Kirche als ein Teil dieser Kirche und sehen nicht, dass wir diese Kirche verlassen sollen, nur weil wir versuchen, unser Leben und unsere Welt dort sichtbar zumachen."
Zwei Katholiken, die sich von der Kirche allein gelassen fühlen.
Matthias Matussek
„Der Papst hat immer wieder seinen Standpunkt klar gemacht und das ist der biblische Standpunkt: die Schöpfungsordnung von Mann und Frau. Die Polarität, die in der Natur vorliegt. Und es gibt offenbar in der Natur Dinge, die davon abweichen, ja. Aber der Papst sagt nicht, dass die Abweichungen von dieser Polarität per se sündig sind. Denn der liebe Gott hat per se jeden, so wie er ihn gemacht hat, auch lieb.“
Alan Posener
„Wenn die Kirche aber nach außen tritt und sagt: Das ist objektiv ein Verstoß gegen die natürliche Ordnung, dann macht sie eine Aussage, die über die Kirche hinausgeht, die über die Feststellung hinausgeht, es sei eine Sünde - und die Menschen diskriminiert. Und ich bin dagegen, dass Menschen diskriminiert werden. Damit fällt die Kirche hinter den Stand zurück, den wir als plurale Gesellschaft erreicht haben."
Der Papst und die plurale Gesellschaft - eine Herausforderung für beide Seiten.
Wie stehen Sie zu diesem Thema? Wenn Sie Lust auf diese Kontroverse haben, schreiben Sie uns: Wie ist Ihre Haltung zum Papst? Sie erreichen uns am einfachsten über unsere Email-Adresse: klartext@rbb-online.de.
Autoren: Andrea Everwien und Benedict Maria Mülder
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/klartext/archiv/klartext_vom_21_09/polarisierendes_kirchenoberhaupt.html