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Willkommen in Deutschland: voller Hoffnung kommen Mitte März drei Frauen nach Berlin, vermittelt über eine rumänische Agentur. Hier sollen sie als Reinigungskräfte arbeiten, gute Arbeit gegen gutes Geld - 800 Euro Monatslohn klingt in rumänischen Ohren wie ein kleines Vermögen. Doch der Traum vom schnellen Geld gerät bald zum Albtraum: Statt legal, arbeiten die Frauen hier schwarz. Der Arbeitgeber zahlt so gut wie nichts, am Ende haben die Frauen nicht einmal Geld für Essen - geschweige denn für ihre Rückkehr nach Rumänien. Wer hilft in solchen Fällen? Bundesweit eine einzige Beratungsstelle - mit exakt anderthalb Stellen...
Seit gut drei Wochen gilt in Deutschland die sogenannte uneingeschränkte Freizügigkeit für Arbeitnehmer aus Europa, allerdings nicht für alle. Rumänen brauchen nach wie vor eine Arbeitsgenehmigung. Das wissen aber nicht alle. Und diese Unwissenheit machen sich einige deutsche Firmen anscheinend zunutze. Sie stellen rumänischen Frauen angeblich gut bezahlte Jobs in Berlin in Aussicht. Katharina Mänz über drei Frauen, die auf das Spiel mit der Hoffnung hereingefallen sind.
Auch diesmal kommt er nicht, der Chef mit dem lange zugesagten Geld. Aber das kennen die drei Putzfrauen inzwischen, Aurelia, Valeria und Veronika. Von Rumänien nach Berlin gelockt – mit dem Versprechen auf gute Arbeit und ordentliches Geld. Doch der Traum scheint ausgeträumt.
Veronika G.
„Immer so gesagt: 'Ich komme, ich komme.' Und nicht kommt, niemals.“
So auch dieses Mal. Kein Geld, kein Chef. Und am Telefon meldet er sich schon lange nicht mehr.
Berlin-Lichtenberg. Unser erster Besuch, ein paar Tage früher, auf dem Klingelschild der Firmenname. Hier wohnen die drei Rumäninnen seit März. Valeria zeigt uns die Räume – eigentlich ein Büro. Und keine Betten, erst auf Drängen der Frauen brachte der Chef Luftmatratzen für die anfangs neun Frauen in diesen Räumen. Und das Sofa haben sie vom Sperrmüll selbst hergebracht, ein Hauch von Wohnlichkeit.
Dusche oder Wanne gibt es nicht, stattdessen schleppte der Chef eine Plastikwanne für Gartenteiche an. Und die müssen sie mit dem Eimer erst einmal füllen - die Alternative: Katzenwäsche am Waschbecken.
Zehn Tage haben sie als Reinigungskräfte gearbeitet, erzählen sie, dann war plötzlich Schluss: Dem Chef brach ein Auftrag weg - und deswegen gab’s auch fast kein Geld.
Valeria Z.
„Er hat gesagt: 'Bleiben Sie ruhig, gehen Sie nirgendwohin, zur Polizei oder so. Denn für die Zeit, die Sie hier nichts verdienen, zahle ich Sie aus meiner eigenen Tasche.' Wir haben also abgewartet. Gewartet, gewartet, gewartet. Wir haben gesehen, mit der Arbeit geht es nicht los. Irgendwann hat sich auch meine Familie Sorgen gemacht: 'Was esst ihr denn?'“
Nicht einmal 50 Euro pro Person habe ihnen der Chef gegeben, sagen die Frauen - für volle zwei Monate. In ihrer Not backten die Frauen selber Brot - für die notwendigen Zutaten reichte es gerade noch.
Sechs der Frauen kehrten nach Rumänien zurück, doch Aurelia, Veronika und Valeria fehlte das Geld für die Heimreise. Und das, obwohl sie doch einen Vertrag hatten über 800 Euro im Monat. Weder die Botschaft noch die Polizei konnten helfen, erst hier fanden sie schließlich Unterstützung: in der Beratungsstelle für entsandte Beschäftigte. Für die ein ganz typischer Fall.
Bettina Wagner, Beratungsstelle für entsandte Beschäftigte
„Die werden dann hierhin gelockt, denen wird einfach ein Lohn versprochen, der ein Vielfaches dessen ist, was sie in ihrem Heimatland bekommen würden. (...) Das ist angesichts des Mindestlohns, der in Rumänien bundesweit gilt - der, ich weiß nicht bei knapp 100 Euro liegt, oder ein bisschen drüber inzwischen, brutto -, ist das natürlich ein Vielfaches von dem, was sie da in einem Monat verdienen würden in so einem Bereich.“
Bettina Wagner nahm sich des Falls der drei Putzfrauen an, nahm Kontakt zu den Behörden auf und überprüfte den Vertrag. Ergebnis: Die Frauen seien nicht gemeldet, ihr Arbeitsverhältnis damit fragwürdig. Denn für Rumänen und Bulgaren gilt noch keine Arbeitnehmer-Freizügigkeit. Offenbar haben die drei Frauen ohne ihr Wissen schwarz gearbeitet – auch wenn ihr Chef stets beteuert habe, alles sei legal.
Bettina Wagner, Beratungsstelle für entsandte Beschäftigte
„Die haben nichts falsch gemacht. Die haben im guten Glauben hier gearbeitet, und sie haben sich darauf eingelassen und wurden ausgebeutet. Wie das an der Würde des einzelnen Menschen nagen muss und an dem Stolz, das glaube ich, können wir uns alle gar nicht vorstellen.“
Dabei kommt die Webseite der Reinigungsfirma Speed Clean hoch professionell und seriös daher. Überwiegend deutschsprachiges Personal und preisorientierte Leistung wird da angeworben. Unsere Interviewanfrage: abgelehnt.
Berlin-Charlottenburg. Wir begleiten Aurelia, Veronika und Valeria zum Büro der Speed Clean GmbH. .... Nächster Versuch, endlich an das versprochene Geld zu kommen. Doch auch dieser Versuch scheitert, das Büro ist abgeschlossen. Keine Reaktion.
Wir wollen wissen, warum der Geschäftsführer die Damen mehrfach versetzt hat - später erreichen wir ihn zumindest telefonisch.
Gedächtnisprotokoll:
KLARTEXT
„Die drei Frauen haben von Ihnen fast nichts an Geld bekommen und können sich nichts mehr zu essen kaufen...“
Geschäftsführer Speed Clean
„Das stimmt nicht, das ist definitiv nicht wahr!“
KLARTEXT
„Wie viel Geld haben Sie denen denn gegeben?“
Geschäftsführer Speed Clean
„Bis jetzt haben die genug gekriegt, das können Sie mir glauben!“
Geschäftsführer Speed Clean
„Die Frauen sagen uns, Sie haben erst 30 bis 50 Euro insgesamt bekommen…“
Geschäftsführer Speed Clean
„Nein, das stimmt nicht, jedes Mal haben sie 50 bis 100 Euro bekommen.“
Und verspricht erneut: Am Abend würden die Frauen das restliche Geld bekommen. Hundertprozentig.
Doch weil die Frauen auch dieses Mal hundertprozentig ihr Geld nicht bekommen haben, empfiehlt die Beratungsstelle für entsandte Beschäftigte den drei Frauen die Selbstanzeige bei der Finanzkontrolle Schwarzarbeit. Bettina Wagners Hoffnung: dass zumindest nicht noch mehr Frauen das gleiche Schicksal erleiden.
Und dort freut man sich über solche Hinweise, quasi frei Haus geliefert.
Dennis Kolberg, Finanzkontrolle Schwarzarbeit
„Das ist im Grunde auch ein gefundenes Fressen für uns, weil diese Leute sich dann eben auch an uns wenden mit ihrer Anzeige und dann eben sagen: 'Ja, möglicherweise hab' ich mich selbst strafbar gemacht, aber das Risiko geh ich ein, ich möchte, dass dieser Arbeitgeber belangt wird.'“
Sie hoffen, dass sie trotz der Selbstanzeige nicht belangt werden. Ihrem Geld allerdings kommen sie auch nicht näher. Aus der Traum vom schnellen Euro in Berlin – aber das Schlimmste: der Familie daheim die Wahrheit sagen zu müssen.
Valeria Z.
„Ich gehe jetzt heim nach Rumänien, zu meiner Familie – ohne einen einzigen Cent. Können Sie sich vorstellen, wie unerträglich das für mich sein wird? Meinem Ehemann gegenüberzutreten? Und den Leuten im Ort, die mich kennen? Das ist so schwer. Schwer in Worte zu fassen, was ich empfinde.“
Eine der drei Frauen will nun übrigens legal in Deutschland arbeiten, die anderen beiden sind mittlerweile nach Rumänien zurückgekehrt, allerdings nicht mit leeren Händen: Denn unsere Recherche und der Druck der Beratungsstelle haben Wirkung gezeigt: der Geschäftsführer der Firma Speed Clean hat jeder Frau inzwischen die vertraglich zugesicherten 800 Euro ausgezahlt.
Autorin: Katharina Mänz
Die Beratungsstelle für entsandte Beschäftigte ist eine Initiative des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) und der Volkshochschulen. Sie hat ihren Sitz im DGB-Haus Berlin und wird finanziert von der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen.
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/klartext/archiv/klartext_vom_25_05/ausgebeutete_rumaenische.html