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Just in dem Moment, als ganz Deutschland darüber diskutiert, wie mehr Frauen in Dax-Unternehmen Führungsrollen übernehmen könnten, tritt die "AG Geschlechtergerechtigkeit" des SPD-Landesverbandes Berlin geschlossen zurück. In einer Presserklärung vermerken die SPD-Frauen bitter: "Für Luftnummern und als Feigenblätter fühlen wir uns nicht ausreichend qualifiziert". Der Anlass für diesen symbolträchtigen Schritt: Die Kandidatur von Iris Spranger um die Nachfolge von Walter Momper für das Amt des Parlamentspräsidenten war geräuschvoll gescheitert. Was ist nur los in der Berliner SPD? Handelt es sich lediglich um eine hektische Überreaktion der Frauen oder steckt da einfach mehr dahinter?
Morgen findet in Berlin die Wahl des Parlamentspräsidenten statt - normalerweise ist das keine besonders aufregende Sache. Doch diesmal ist alles anders: Denn schon im Vorfeld hatte es einen Eklat gegeben - nämlich um die Nominierung des Kandidaten. Den durfte die SPD bestimmen und nominierte kurzerhand wieder einen Mann für den hochrangigen Posten, Ralf Wieland, obwohl sich gleichzeitig eine Frau beworben hatte. Riesenärger bei den SPD-Frauen, schließlich wird zurzeit bundesweit heftigst darüber diskutiert, wie die Politik endlich mehr Frauen in Führungspositionen bringen kann. Julia Camerer über den Zoff in der Berliner SPD.
Iris Spranger von der SPD, blond, klein und ganz eindeutig eine Frau. Sie gab ihren Job als Staatssekretärin in der Finanzverwaltung auf, wollte nach mehr Macht greifen und setzte alles auf eine Karte. Ihr Ziel - ganz klar: der Job der Präsidentin des Berliner Abgeordnetenhaues.
Iris Spranger (SPD), stellv. Landesvorsitzende
„Frauen gehören genauso wie Männer in die erste Reihe. Und da muss man das nicht reduzieren, nur weil man Frau ist.“
Frau Spranger ist nun reduziert - auf eine einfache Abgeordnete. Der Präsidentenposten bleibt männlich besetzt. Ralf Wieland soll die nächsten fünf Jahre an der Spitze stehen. Damit ist erst ein hochrangiger Posten vergeben. Und schon gibt es Ärger: Der gesamte weibliche Teil der sogenannten "AG Geschlechtergerechtigkeit“ tritt zurück. Als Feigenblatt und Luftnummer stünden die SPD-Frauen nicht zur Verfügung. Eine gleichberechtigte Arbeit zwischen Männern und Frauen sei in der Berliner SPD unmöglich.
Eva Högl (SPD), Vorsitzende AG Sozialdemokratischer Frauen
„Wenn ich sage, dass ich acht Spitzenposten habe, die zu vergeben sind, vier Senatorenposten, Regierender Bürgermeister, Fraktionsvorsitzender, dann erwarte ich von meiner Partei der SPD, die für Gleichstellung steht, dass sie sich in der Gesamtschau anguckt: Wo sitzen Frauen, wo sitzen Männer. Und dann auch ganz gezielt dafür wirbt, dass an einzelnen Positionen Frauen auch mal gesetzt sind.“
Seit mehr als 20 Jahren hat die SPD die 40-Prozent-Quote. Doch der Landesverband macht klar, Ausnahmen müsse es immer geben.
Mark Rackles (SPD), stellv. Landesvorsitzender
„Sie können ein Einzelmandat nicht mit 40 Prozent quotieren. Der Präsident ist männlich oder weiblich. Punkt.“
Na ja - wohl eher männlich. Als Parlamentspräsident, dem protokollarisch höchstem Amt in der Berliner Politik, stand in den letzten 60 Jahren fast durchgehend ein Mann an der Spitze. Unterbrochen nur von der CDU-Frau Hanna-Renate Laurien.
Und auch im zweithöchsten Amt, dem des Regierenden Bürgermeisters, schaffte es nur eine Frau an die Spitze. Für ganze acht Tage durfte Ingrid Pankraz von der SED Oberbürgermeisterin sein. Ihr Vorgänger war zurückgetreten. Fazit: eine Frau von der SED und eine von der CDU - doch weit und breit keine hochrangige SPD-Frau.
Mark Rackles (SPD), stellv. Landesvorsitzender
„Das ist niemals ‘ne Frage von Quoten und von formalen Kriterien, wie man in der Politik hoch kommt, das ist eine Frage der inhaltlichen Konzepte und der Überzeugungen.“
War demnach niemals eine Frau gut genug? Die Politikwissenschaftlerin Barbara Riedmüller war in der Momper-Regierung selbst mal SPD-Senatorin. Sie meint: Statt um Inhalt geht es doch viel eher darum:
Prof. Barbara Riedmüller, Politikwissenschaftlerin FU Berlin
„…dass die Männer sich besser durchsetzen können und die besseren Seilschaften haben, die besseren Netzwerke haben, etc.“
KLARTEXT
„Und müsste das geändert werden?“
Prof. Barbara Riedmüller, Politikwissenschaftlerin FU Berlin
„Ja, wer soll das denn ändern? Das können ja nur die Beteiligten selber ändern.“
Also: Frauen müssen wollen - aber auch rangelassen werden.
Eva Högl (SPD), Vorsitzende AG Sozialdemokratischer Frauen
„Ich sage nichts mehr, wenn keine Frau kandidiert. Aber wir bereiten jetzt den Boden für Kandidaturen von Frauen. Es kann jetzt eine Frau als Fraktionsvorsitzende kandidieren, als parlamentarische Geschäftsführerin…“
Iris Spranger (SPD), stellv. Landesvorsitzende
„Klaus Wowereit ist klar aufgefordert, hier auch entsprechend Frauen zu bringen - und ich hoffe, dass er das auch tut, weil wir haben tolle Frauen von der SPD, die man entsprechend in diese Führungspositionen setzen kann.“
Beim höchsten Berliner Amt - dem Posten des Parlamentspräsidenten - ist diese Chance nun vertan. Ganz oben präsidiert weiterhin ein Mann.
Autorin: Julia Camerer
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/klartext/archiv/klartext_vom_26_10/saure_spd_frauen_.html