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Seit Bundesverkehrsminister Ramsauer angedroht hat, dass er - wenn in fünf Jahren nicht die Hälfte aller Radfahrer Helm tragen - eine Verpflichtung dazu einführen will, ist die Diskussion wieder im vollen Gange: Rettet der Helm Leben oder zerstört bloß er die Frisur? Fakt ist, immer mehr Berliner und Brandenburger steigen auf das Rad um. Und ebenfalls Fakt ist: Die Zahl der Verkehrsunfälle, in die Radfahrer verwickelt sind, steigt in der Region. KLARTEXT fragt nach: Schützen Helme sicher vor Kopfverletzungen? Oder handelt es sich bei Ramsauers Vorstoß lediglich um ein weiteres Beispiel für deutschen Regulierungswahn?
Alle Fahrradfahrer werden verpflichtete, einen Helm zu tragen - das jedenfalls hat Bundesverkehrsminister Ramsauer angedroht, sollte nicht die Hälfte aller Radfahrer in fünf Jahren freiwillig einen Helm aufsetzen. Nun wird heftig diskutiert: Rettet ein Helm wirklich Leben? Oder zerstört er bloß die Frisur? Fakt ist: Immer mehr Berliner und Brandenburger steigen auf‘s Rad um. Und ebenfalls Fakt ist: Die Zahl der Unfälle, an denen Radfahrer beteiligt sind, steigt auch. Ist eine Helmpflicht also sinnvoll? Ute Barthel hat sich radelnderweise auf die Suche nach Argumenten gemacht.
Ich fahre gern und viel mit dem Fahrrad. Seit einem halben Jahr habe ich auch einen Helm. Meine vierjährige Tochter trägt schon immer einen, aber wir sind eine Minderheit unter den deutschen Fahrradfahrern, weniger als zehn Prozent setzen einen Helm auf. Die Einführung einer Tragepflicht scheint mir daher notwendig. In Berlin und Brandenburg streiten sich Helmträger und Helmgegner über den Sinn einer solchen Vorschrift.
Passantin
„Wer was im Kopf hat, sollte ihn auch schützen."
Passantin
„…nur Pflichten in diesem Land, finde ich ganz schlimm."
KLARTEXT
„Warum tragen Sie keinen?“
Passantin
„Weil ich das doof finde.“
KLARTEXT
„Warum?“
Passantin
„Warum, weil der doof aussieht und weil das nicht will."
Passant
„Ich bin auch schon mal hingefallen und hatte eine Gehirnerschütterung - ohne Helm- und danach habe ich mir überlegt: Jetzt setze ich mir einen Helm auf."
Passantin
„Ein guter Freund von mir ist mal mit dem Kopf nicht im Zusammenhang mit dem Fahrrad gestürzt, hatte ‘ne schwere Verletzung, und fährt seitdem nur noch mit Helm, kann ich nachvollziehen. Ich fahr ohne."
Also: Mein Kopf gehört mir? In die Entscheidung zur persönlichen Sicherheit soll sich der Staat gefälligst nicht einmischen, meinen viele.
Und ausgerechnet dieser Mann ist vehementer Gegner der Helmpflicht.
René Fillipek, Allgemeiner Deutscher Fahrradclub
„Hallo, ich bin René Fillipek vom ADFC und wir sind gegen eine Helmpflicht, weil wir befürchten, dass dann viele das Fahrrad stehen lassen und wieder auf das Auto umsteigen. Ein sinkender Radverkehrsanteil hat aber statistisch gesehen zur Folge, dass die Gefährdung des einzelnen Radfahrers deutlich höher wird. Eine Helmpflicht für Radfahrer wäre also eher kontraproduktiv.“
Moment mal, das will ich jetzt aber genauer wissen: Warum soll die Pflicht, den Kopf zu schützen, weniger Sicherheit bringen? Die Radfahrerlobby bezieht sich auf Erfahrungen aus Australien.
Als dort in den 90er Jahren die Helmpflicht eingeführt wurde, sank die Anzahl der Fahrradfahrer dramatisch, die Zahl der Unfallopfer nahm aber nicht im gleichen Maße ab. Die Pflicht brachte also nicht automatisch mehr Sicherheit.
Was hingegen mehr Sicherheit bringt, zeigt das Beispiel, das der Fahrradclub immer gern anführt: die Niederlande. Nirgendwo sonst in Europa fahren so viele Menschen Rad. Und obwohl nur ein Prozent Helm tragen, ist die Zahl der tödlich verunglückten Radfahrer viel niedriger als in Deutschland.
René Fillipek, Allgemeiner Deutscher Fahrradclub
„Je mehr Radfahrer auf der Straße sind, desto mehr rechnen Autofahrer mit ihnen… Wenn ich weiß: Es sind immer Radfahrer unterwegs, dann guck ich auch beim Abbiegen genauer, auch wenn ich gerade keinen sehe. Das ist eine Bewusstseinsfrage.“
Eine Bewusstseinfrage - klingt logisch. Die Radfahrerlobby ist also gegen eine Pflicht, aber nicht gegen den Helm an sich und auch ich trage ihn in der Hoffnung, dass er mich so vor schlimmen Kopfverletzungen schützt. Unfallchirurgen bestätigen dies.
Prof. Tim Pohlemann, Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie
„Mein Name ist Tim Pohlemann, ich bin der Präsident der deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie und ich bin für die Einführung der Helmpflicht. Nicht unbedingt wegen der Pflicht, aber wegen dieses Helms. Der Helm schützt vor schweren Verletzungen. Wenn Sie vom LKW überrollt werden, hilft Ihnen natürlich auch kein Helm, aber in dem Moment, wenn Sie stürzen und mit dem Kopf irgendwo aufkommen, dann kann dieser Helm Leben retten oder Sie schützen vor lebenslangen Behinderungen.“
Dieses Plädoyer für die Helmpflicht leuchtet mir ein. Crashtests zeigen, dass der Helm Kopfverletzungen abmildert. Und auch viele praktische Beispiele belegen, dass der Helm Leben retten kann. Und deswegen will die Verkehrsunfallexpertin der Polizei, Ellen Haase, bundesweit möglichst viele vom Helm überzeugen.
Ellen Haase, Verkehrsunfallexpertin
„Das ist ein Helm, mit dem ein Kind im November 2010 unter einen Bus gekommen ist und der herausstehende Teil der Federung des Busses hat den Helm vom Kopf geschoben und brutal zusammengefaltet, es war also sehr schwer zu rekonstruieren für uns. Es ist also nicht ein Tropfen Blut dran, es ist so super ausgegangen, dass das Kind überhaupt nicht am Kopf verletzt war."
Eigentlich doch ein überzeugendes Argument für die Pflicht. Doch halt! Nicht alle Unfall-Ärzte wollen den Helmzwang.
Dr. Uli Schmucker, Unfallchirurg
„Mein Name ist Uli Schmucker, ich bin Unfallchirurg hier am Unfallkrankenhaus Berlin und seit über zehn Jahren Unfallforscher und ich denke, Experte auf dem Gebiet der Verkehrssicherheit. Über 50 Prozent der getöteten Fahrradfahrer in Deutschland sind im Seniorenalter. Unserer Ansicht nach gelingt es mit Gesetzen nicht, einen 65-jährigen Radfahrer, der Zeit seines Lebens ohne Helm gefahren ist, per gesetzlicher Maßnahme davon zu überzeugen, dass der Helm tatsächlich für die Sicherheit sehr wertvoll ist."
Die Befürchtung der Unfallforscher: Ältere Fahrradfahrer verzichten dann lieber auf‘s Rad, statt Helm zu tragen. Und das will ja schließlich auch keiner. Die Verkehrsministerkonferenz der Länder stimmte ebenfalls pro Helm, aber contra Pflicht.
Matthias Gille, Verkehrssenat Berlin
„Mein Name ist Matthias Gille. Ich bin Sprecher der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Fahrradhelme können Leben retten, die sollte jeder tragen.“
KLARTEXT
„Was halten Sie von einer Pflicht?“
Matthias Gille, Verkehrssenat Berlin
„Ich glaube, dass jeder das Recht hat, selber zu entscheiden und Pflichten muss man überprüfen können. Das ist natürlich ausgesprochen schwierig.“
Naja, aber auch die Gurtpflicht war in Deutschland lange sehr umstritten, ab 1984 gab‘s bei Verstößen ein Verwarnungsgeld - heute schnallen sich 95 Prozent im Auto an. Auch beim Fahrradhelm könnte das funktionieren. Das sieht auch die Berliner Polizei so.
Markus van Stegen Polizei Berlin
„Mein Name ist Markus van Stegen. Ich bin zuständig für die polizeiliche Verkehrssicherheitsarbeit. Die Polizei Berlin würde das im Rahmen der ganz normalen Verkehrsüberwachung kontrollieren und überwachen, bei Schwerpunktaktionen oder im Rahmen des Streifendienstes würden wir dieses, was dann eine Ordnungswidrigkeit darstellen würde, auch mit unseren Kräften überwachen können.“
Wer hat nun Recht: Fast alle Argumente von Befürwortern und Gegnern einer Helmpflicht klingen für mich gleichermaßen logisch. Nach meinen Experten-Interviews kommen ich zum Resümee: Helme schützen.
Mehr Sicherheit bringt aber eine fahrradfreundliche Stadt und keine von oben verordnete Pflicht. Meine Tochter und ich fahren mit Helm - aber freiwillig.
Und zu welchem Schluss kommen Sie? - Ist eine Helmpflicht für Fahrradfahrer eine sinnvolle Sache? Schreiben Sie uns doch und berichten von Ihren Erfahrungen zu dem Thema. Unsere Email-Adresse: klartext@rbb-online.de.
Autorin: Ute Barthel
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/klartext/archiv/klartext_vom_26_10/ueberregulierung_oder.html