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Jürgen Engert (Montage, Quelle: rbb)

Heute muss es Flimmern in der Bude

Jürgen Engert moderierte zwölf Jahre lang KONTRASTE.

Jürgen Engert gehörte zu den Säulen des Sender Freies Berlin (SFB): Der gelernte Tageszeitungsjournalist wurde 1983 Leiter der SFB-Hauptabteilung Politik. Von 1986 bis 1998 moderierte er die Sendung KONTRASTE, von 1987 an war er außerdem Chefredakteur Fernsehen. Nach dem Ende seiner Moderationstätigkeit machte er sich als Gründungsdirektor für das ARD-Hauptstadtstudio stark, dessen Leitung er bis zu seiner Pensionierung 2001 innehatte. Im Interview mit rbb online erinnert er sich an denkwürdige Beiträge, spricht über die Macht des Fernsehens und die Entwicklung der Polit-Magazine.

rbb online: Herr Engert, zwölf Jahre lang haben Sie die Sendung KONTRASTE moderiert. Werden Sie heute noch auf der Straße angesprochen?
Jürgen Engert: Ja, die Leute sind ja nett – besonders, wenn ich mich zwischen Ostsee und Thüringer Wald bewege. Ich hatte immer eine starke Klientel bei den Frauen über 65 Jahren. Aber schon damals haben die Leute direkt bei uns angerufen. Ich erinnere mich, dass eines Tages, es muss etwa 1987 gewesen sein, die Sekretärin kam und sagte: "Hier ist ein Anruf aus Bitterfeld." Der Anrufer erklärte: "Herr Engert, heute sitzt ganz Bitterfeld vor dem Fernseher." An dem Tag brachten wir den heimlich gedrehten Beitrag "Bitteres aus Bitterfeld" über die Verseuchung der Stadt.

Sie erwähnen das heimlich gedrehte Material, das ja durchaus ein Markenzeichen von KONTRASTE war: die versteckten Aufnahmen aus der DDR. Hatten Sie dafür Journalisten in der DDR?
Nein, meistens waren das Leute, die von Journalismus keine Ahnung hatten. Denen wurde dann gezeigt, wie man mit einer Kamera umgeht. Viel schwieriger war aber, dass die Bänder ja auch noch rüber mussten. Dafür hatten wir ein Netzwerk und zum Beispiel Botschaften in Ost-Berlin aus Ländern, deren finanzielle Situation nicht so gut war ...

Gibt es denn ein Ereignis aus Ihrer KONTRASTE-Zeit, an dass Sie sich besonders gut erinnern?
Die Zeit 1989/90 war für uns eine große Befriedigung, denn da hatte das Fernsehen eine unmittelbare politische Wirkung, was sehr selten der Fall ist. Schon von 1982 bis zur Wende hat KONTRASTE etwas bewirkt, denn es hat Leute gezeigt, die bereit waren sich zu exponieren. Wenn die Menschen keine Angst mehr haben, ist eine Diktatur am Ende. Ich sage Ihnen, 89/90 wäre ohne die Wirksamkeit des Fernsehens nicht möglich gewesen. Und dann war das natürlich für jeden Journalisten eine außergewöhnliche Situation.

Verfolgen Sie denn KONTRASTE heute auch noch?
Wenn man so viele Jahre an einem Magazin gearbeitet hat, dann ist man ihm immer mit einer gewissen Emotionalität verbunden.

Und was fällt Ihnen heute auf?
Die Beiträge heute sind erheblich schneller geworden, was aber am Filmischen generell liegt. Man sieht ja auch beim Spielfilm, dass sich die Filmsprache stark verändert hat. Ich halte das für einen Fehler, auch wenn man mich dann einen Nostalgiker nennt. Heute muss es Flimmern in der Bude.

Sehen Sie denn auch inhaltliche Veränderungen?
Nun, die Reduzierung der Magazine auf eine halbe Stunde war ein essentieller Einschnitt. Früher konnten wir durchaus 13-Minuten-Stücke machen – wenn es das Thema hergab. So etwas ist in einem halbstündigen Format nicht möglich. 1991 oder 92 hatten wir beispielsweise das erste Mal eine Inoffizielle Mitarbeiterin der Stasi, die bereit war, vor der Kamera zu sprechen. Das war auch so interessant, weil in dem Gespräch auch die Biografie zum Vorschein kam – und dieses Interview ging 13 Minuten!

Welche Risiken bestehen in Ihren Augen für die Polit-Magazine heutzutage, wenn verkürzt und beschleunigt wird?
Ich sehe als Gefahr, dass Themen als "Durchläufe" gehen, also von allen gemacht werden. Wie aktuell das Thema jugendliche Intensivtäter – ich gebe Ihnen Brief und Siegel, dass nach den Wahlen in Niedersachsen und Hessen niemand mehr darüber reden wird. Man sollte in einem Magazin etwas anderes tun als der Mainstream, Themen abseits des Mainstreams finden und nicht der Aktualität hinterher hecheln – schließlich ist man ja nicht die Tagesthemen oder die Abendschau.

Haben sich denn neben dem Format auch die Aufgaben der Polit-Magazine verändert?
Nein, das hat sich nicht geändert: Polit-Magazine sollen unabhängig von den jeweiligen Themen Hintergründe er- und durchleuchten, aber auch Themen finden, von denen jetzt noch kein Schwein redet. Ich habe von meiner Redaktion immer als Grundvoraussetzung erwartet, neugierig zu sein und mit offenen Augen durch die Welt zu gehen – besonders hier in dieser Stadt.

Herr Engert, Sie werden in Porträts oft als "Journalist der alten Schule" bezeichnet. Was sind Ihrer Meinung nach heutzutage die Grundtugenden für den journalistischen Nachwuchs?
Ich habe meiner Redaktion immer von einem Chefredakteur einer Berliner Zeitung in den 20er Jahren erzählt, der sagte: "Ich lasse mir meine Vorurteile von Ihnen nicht wegrecherchieren." Doch auch, wenn es für uns oft schwierig und unbequem ist, uns von den eigenen Vorurteilen zu befreien, ist die Bereitschaft dazu doch eine Grundtugend.

Sie hatten eingangs von dem heimlich gedrehten Aufnahmen aus der DDR gesprochen, die ja durchaus ein Alleinstellungsmerkmal von KONTRASTE waren. Sehen Sie so etwas heute auch noch?
Nein, heute hat KONTRASTE kein Alleinstellungsmerkmal mehr, dass durch die Sache gegeben wäre. Das müssen sie heutzutage vielmehr durch die redaktionelle Ausarbeitung schaffen, ihre Beiträge also so machen wie kein anderer.

Tut Ihnen die Entwicklung denn weh?
(lacht) Nein. Es ist ja klar, dass sich etwas verändert und entwickelt. Es ist eben eine andere Herangehensweise, bei der die neuen Leute ihren Weg finden müssen. Wenn man um Rat gefragt wird, kann man den geben, aber der Rat wird relativ bleiben, da man ja nicht mehr in der Redaktionskonferenz sitzt. Ich erinnere mich noch an den Geburtstag vor zehn Jahren – was seither alles an Veränderungen passiert ist, allein struktureller Art, ist unglaublich.

Letzte Frage, Herr Engert: Was wünschen Sie nun dem Geburtstagskind?
Das Geburtstagskind ist ja schon in die Jahre gekommen, deswegen wünsche ich ein langes Leben und dass die Leute, die dort arbeiten, wissen, was für ein Privileg es ist, so viel Zeit für Themen zu haben.

Das Gespräch führte Alice Lanzke.

Dieser Text gibt den Sachstand vom 14.01.2008 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

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