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rbbonline | 40 Jahre Kontraste


Reinhard Borgmann ist Ressortleiter für die politischen Magazine des rbb Fernsehens.
Am 18. Januar 1968 ging Kontraste als Ost-West-Magazin auf Sendung. Eine historische Sendung: Der erste Beitrag beschäftigt sich mit den demokratischen Vorboten des "Prager Frühlings". Gibt es so etwas wie einen Gründungsmythos?
Ich bin bei Kontraste 1990 eingestiegen. Das ist ja immerhin auch schon 17 Jahre her. Aber ich muss gestehen, dass die Frühzeit von Kontraste, also die Zeit ab 68, mir bis zu den Recherchen für unser jetziges Jubiläum nicht besonders präsent war.
Wir sind schon Stolz darauf, für dieses Magazin arbeiten zu können und haben auch Ehrfurcht vor der Arbeit der Kolleginnen und Kollegen, die in 40 Jahren den politischen Blick der Öffentlichkeit geschärft haben.
Damals hat man sich von den politischen Magazinen abgegrenzt, die es schon gab: Monitor, Panorama und Report. Der damalige SFB-Chefredakteur Peter Pechel hat dann entschieden, als SFB ebenfalls ein politisches Magazin ins Leben zu rufen. Der Schwerpunkt war klar: Es sollte ein Sonderplatz für die Berichterstattung über den Ostblock werden. Aus der heutigen Perspektive muss man sich das so wie eine Art Weltspiegel vorstellen. Die Autoren haben weite Reisen unternommen nach China, in die Sowjetunion, in die Tschechoslowakei und haben von dort berichtet. Der Zugang zu Informationen war nicht immer einfach. Es gab eine rigide Informationspolitik durch die damaligen Regierungen. Deshalb war die Berichterstattung immer so eine Art Gratwanderung, weil man natürlich vor Ort sein und berichten wollte. Dafür musste man allerdings in Kauf nehmen, von der Genehmigung der Dreharbeiten durch Regierungsstellen abhängig zu sein und deshalb nur über wenige Themen berichten zu können. Doch Zug um Zug hat sich das dann weiterentwickelt. Der Prager Frühling war der erste Versuch zur Liberalisierung des Ostblocks und auch darüber hat Kontraste ausführlich berichtet.
Später kam die Befreiungsbewegung unter der Führung von Solidarnosc in Polen. Dabei stand Kontraste immer an der Seite der Menschen, die für ihre Freiheitsrechte gekämpft haben. Das galt dann insbesondere für die Bürger der DDR. Ein großer Teil der Berichterstattung befasste sich mit der Situation in dem anderen Teil des geteilten Deutschlands. Wir haben versucht über den Alltag der Menschen zu berichten, welche Probleme sie haben, welche Folgen zu erwarten sind.
Und es erfüllt mich mit besonderem Stolz, dass in der ersten Kontraste-Sendung der damalige Bundesaußenminister Willy Brandt die Grundlagen seiner späteren Entspannungspolitik exponiert hat.
Seit 1990 sind Sie bei Kontraste. Bei welchen Ereignissen war Kontraste zum „richtigen“ Zeitpunkt am Ort des Geschehens und wurde selber zum Akteur der Geschichte. Gibt es solche Momente?
Ja, die gibt es. 1989 war eine ganz besondere Situation für die Berichterstattung aus der DDR. Ich bin mir ganz sicher, dass das Westfernsehen im Allgemeinen und Kontraste im Besonderen ihren Beitrag dazu geleistet haben. Die Bürgerrechtler in der DDR wussten, sie sind nicht allein und ihre Initiativen werden öffentlich und sie können mit unserer Unterstützung rechnen.
Kontraste spielte beispielsweise mit seiner Berichterstattung über Umweltschäden eine große Rolle bei der Aufklärung über die Zustände in der DDR. Diese wurden ja sonst in der Berichterstattung oftmals verharmlost.
Die Menschen in der DDR haben über den Umweg Westfernsehen genaueres über das wirtschaftliche, ökologische und gesellschaftliche Desaster in der DDR erfahren. Insofern hat Kontraste in dieser historischen Situation eine ganz wichtige Funktion gehabt. Dies galt ebenso für die Wendezeit, bei der es ganz zentral um die Aufarbeitung der DDR-Geschichte ging - ein wirklicher Schwerpunkt. Die Öffnung der Stasi-Archive zum Beispiel. Kontraste war die erste Sendung, in der überhaupt eine inoffizielle Mitarbeiterin der Staatssicherheit, eine damalige Erzieherin, zu Wort kam und berichtete, wie sie selbst instrumentalisiert wurde und wie sie andere für die Zwecke der Staatssicherheit instrumentalisiert hat. Das war ein eindrucksvolles Interview und ich glaube, mit solchen Stücke haben wir Zeitgeschichte geschrieben.
Wie hat sich die redaktionelle Arbeit in den 40 Jahren gewandelt?
Die hat sich ganz grundlegend gewandelt. Im Jahr 1968 war das eine ganz andere Journalisten-Generation. Ich selbst war damals gerade erst 15 Jahre alt. Trotzdem: Kontakt zu den Altvorderen habe ich heute immer noch. Aber sie können natürlich kaum noch Ratgeber sein, für das, was wir heute machen. Wir sind inzwischen ein politisches Magazin im Rahmen der politischen Magazine der ARD – und es gibt fünf davon, mit denen wir im Wettbewerb stehen. Unsere Aufgabe besteht darin, über die Sachverhalte zu berichten, die in der üblichen Nachrichtengebung zu kurz kommen, beispielsweise auch über Minderheiten, die für ihre Rechte kämpfen. Über zeitgeschichtliche Themen, Aufklärung über die DDR-Vergangenheit und dem Nationalsozialismus. Aufklären über Korruption, über Verwicklungen, über die Zustände bei der Deutschen Bahn, über politische Parteien. Wir haben das ganze Spektrum.
Es ist eine große Auszeichnung für einen Sender wie den Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb), der ja unter den ARD-Häusern wirtschaftlich gesehen nicht der stärkste ist, mit einem politischen Magazin aufwarten zu können. Das ist eine außerordentliche Leistung dieses Senders, die für Kontraste erbracht wird, und wir versuchen der hohen Verantwortung, die daraus erwächst, gerecht zu werden. Wir versuchen eine interessante und politisch unabhängige Berichterstattung zu machen, die ihren Schwerpunkt darin sieht, Konfliktfelder aufzudecken, auf die andere bisher nicht oder zu wenig geachtet haben.
In den 80er Jahren wurden Beiträge produziert, die – überspitzt formuliert – auch Monate später hätten ausgestrahlt werden können. Das geht heute nicht mehr! Kontraste oszilliert zwischen Aktualitätsdruck und Agendasetter. Wie kommt Kontraste damit klar?
Nein, das ist nicht überspitzt formuliert. Ein politisches Magazin spiegelt natürlich auch die politischen Verhältnisse wieder. Und die politischen Verhältnisse wandeln sich in viel kürzerer Schlagzahl als noch vor einigen Jahren oder gar als vor Jahrzehnten. Mit der Auflösung der Blöcke ist das übliche Rechts-Links-Schema weitgehend verschwunden und die Themenagenda wechselt rasant. Ich will es mal so sagen: Fast jede Woche wird „eine neue Sau“ durchs Dorf getrieben. Deshalb kommt es für ein politisches Magazin darauf an, in dieser Lage den Überblick zu behalten: auf der einen Seite die Aktualität zu beachten, auf der anderen Seite aber auch eigene Themen zu setzen, um sich bewusst abzukoppeln und von den Nachrichtenmagazinen zu unterscheiden, die wir ja inzwischen zuhauf haben.
Wichtig ist: Eigenrecherchen zu betreiben, Problemen nachzugehen, auf die wir selbst gekommen sind, mit Mitteln, die nur uns zur Verfügung stehen und in einer Form diese Dinge aufzubereiten, dass sie dem Publikum auch unterhaltsam dargeboten werden. Das ist unser Alleinstellungsmerkmal. In die Aktualitätsfalle zu laufen, in dem man ausschließlich auf Themen setzt, die gerade en vogue sind – das ist ein Weg, der, wenn man ihn denn ausschließlich beschreitet, definitiv in eine Sackgasse führt.
Welche Funktionen hat ein politisches Magazin im öffentlich-rechtlichen Fernsehen heute?
Das politische Magazin muss immer eine Spur unbequem sein, es muss immer aufklärerisch sein. Das politische Magazin muss seinen Finger auf Wunden legen, die auch manchmal wehtun. Das politische Magazin muss über Konflikte berichten und steht selbst im Konfliktfeld durch die Berichterstattung. Wir haben zu verzeichnen, dass nicht sehr viele Politiker begeistert sind von Interviewanfragen durch politische Magazine. Wir müssen sehr oft mit Absagen leben. Das ist der Preis, den wir dafür zahlen, dass wir keine Hofberichterstattung machen. Wir wollen versuchen, auch mit zugespitzten Fragen, etwas näher an die Wirklichkeit heranzukommen. Anders als wenn man sonst den Leuten 20 Minuten Redezeit in einer x-beliebigen Talkshow zur Verfügung stellt.
Erhoffen Sie sich von den neuen Verbreitungsmöglichkeiten wieder eine bessere Positionierung der politischen Magazine?
Die politischen Magazine haben sich außerordentlich gut gehalten. Durch die verschärften Wettbewerbsbedingungen, die Ende der 80er Jahre mit der Einführung des kommerziellen Fernsehens einhergingen. Dies gilt aber auch für den Wettbewerb innerhalb des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Kontraste und Co haben sehr gut Schritt halten können. Sie müssen nicht immer an der Spitze der Quote stehen, aber sie haben immer ein beachtliches Zuschauerumfeld. Im Schnitt sehen die politischen Magazine etwa drei Millionen Zuschauer. Und ich finde, für eine anspruchsvolle Sendung, wie sie nicht nur Kontraste bietet, ist das eine erstaunliche Anzahl, mit der man in der Regel fest rechnen kann. Die zusätzlichen Neuerungen bei der Verbreitung wie Online sollten wir als Ergänzung nutzen. Wir haben erste Erfahrungen mit einem Kontraste-Blog gemacht, in dem unsere Zuschauer zu bestimmten Themen der Sendung über das Internet an einer Diskussion beteiligen können. Die Ergebnisse waren sehr positiv. Die Möglichkeiten, auch mit dem Hörfunk bimedial zusammenzuarbeiten, nutzen wir. Bezogen auf die Themen unserer Sendung realisieren wir eigenständig Hörfunkbeiträge. Das sind Perspektiven, die wir weiter ausbauen und nutzen sollten. Doch dadurch wird die traditionelle Ausstrahlung über das Fernsehen natürlich nicht ersetzt, auf mittlere Sicht zumindest. Man soll auch nicht unterschätzen, dass Fernsehen ein Gemeinschaftserlebnis ist, das man mit mehreren Leuten unternehmen kann. Man soll nicht unterschätzen, dass Fernsehen live ist. Gegenüber der Online-Berichterstattung ein immenser Vorteil. Man soll nicht unterschätzen, dass die visuelle und akustische Qualität dessen, was dargeboten wird, natürlich im Fernsehen erheblicher höher ist als auf einem briefmarkengroßen Screen im Internet. Kurzum: Wir nutzen die ergänzenden Verbreitungswege wo es geht. Letztlich muss man aber abwarten, wie im Wettbewerb der Verbreitungswege die Rolle des traditionellen Fernsehens und Hörfunks in Zukunft aussieht. Über möglichst viele Wege an möglichst viele Zuschauer und Nutzer heranzukommen ist ein vernünftiger Ansatz, den wir ausbauen sollten.
Kontraste stellt seine Beiträge ins Netz. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?
Wir haben bei Kontraste eine besonders gute Situation. Wir sind seit 1997 online mit unseren Filmen vertreten. Alle unsere Beiträge sind im Internet sowohl als Manuskript als auch als Fernsehbeitrag abrufbar. Damit bieten wie den Zuschauern einen großen Mehrwert, einen historischen Überblick, der auch als Recherchemedium für Kolleginnen und Kollegen und einer breiten interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung steht. Dieses Kontraste-Archiv von 1997 bis 2008, also knapp 11 Jahre, ist eine wahre Schatztruhe an Informationen. Dies werden wir weiterführen und ausbauen. Die ARD plant ja insgesamt eine Art 7-Tage-Nachnutzung von Fernsehsendung als Online-Mediathek. Ich glaube, dass die politischen Magazine gut beraten sind, wenn sie sich daran beteiligen.
Was wünschen Sie sich für Kontraste?
Für die Zukunft von Kontraste wünsche ich mir 40 weitere Jahre neugierige, hartnäckige, investigative Reporterinnen und Reporter, die an ihren Geschichten hängen, die mit Herz und Verstand dabei sind, die die Fahne der Aufklärung hochhalten und keiner parteipolitischen Ideologie verpflichtet sind. Ich glaube, eines zeichnet Kontraste aus: Dass wir hier versuchen, die gesellschaftliche Relevanz von Themen für unsere Berichterstattung zum Anhaltspunkt zu nehmen und wir hierbei keiner parteipolitischen Einfärbung unterliegen. Dass wir ideologiefrei berichten und wir bereit sind, jederzeit über unsere eigenen Vorurteile, die wir natürlich auch haben, hinweg zu recherchieren. Das heißt, wenn wir feststellen, die Dinge sind nicht so, wie wir es vermutet haben, dann sind wir bereit, unsere Berichterstattung auch dahingehend zu verändern.
Das Gespräch führte Dietmar Schiller vom rbb Fernseharchiv.
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/kontraste/40_jahre/mit_herz_und_verstand.html