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rbbonline | 40 Jahre Kontraste

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Roland Jahn, 'Kontraste'-Logo, Jahn bei einer Demonstration 1983 in Jena (Montage, Quelle: rbb, dpa)

Wir wollen aufzeigen, aufklären, aufdecken

"Kontraste"-CvD Roland Jahn im Gespräch

Roland Jahn war einer der bekanntesten Bürgerrechtler in der DDR und Mitbegründer der Jenaer Friedensbewegung. Nach seiner Kritik an der Ausbürgerung Wolf Biermanns wurde er 1976 exmatrikuliert und demonstrierte in der Folgezeit immer wieder gegen das Regime, bis er schließlich 1983 zwangsausgebürgert wurde. Von West-Berlin aus unterstützte er mit großem Engagement die DDR-Opposition und begann 1986 als freier Mitarbeiter bei "Kontraste", wo er 1991 Redakteur wurde. Seit zwei Jahren ist Roland Jahn Chef vom Dienst des Polit-Magazins. Im Interview mit rbb online spricht er über heimlich gedrehte Beiträge aus der DDR, die Bedeutung von "Kontraste" und die Macht des Fernsehens.

rbb online: Herr Jahn, Sie arbeiten seit über 20 Jahren für "Kontraste". Wie hat sich das Magazin in dieser Zeit verändert?
Wir haben uns natürlich gewandelt, wie sich die Gesellschaft gewandelt hat. 1986 haben wir uns intensiv mit den deutsch-deutschen Verhältnissen beschäftigt, sicherlich auch wegen unseres Standorts. Aber schon damals haben wir uns auch kritisch mit den Verhältnissen in der Bundesrepublik auseinander gesetzt und zum Beispiel Umweltthemen behandelt.

Die heimlich gedrehten Beiträge aus der DDR waren ja so etwas wie ein Markenzeichen von "Kontraste" ...
... das sich durch die geschichtliche Entwicklung verlagert hat. Und das waren natürlich nicht unsere einzigen Themen in dieser Zeit. Es gab ja auch ganz andere Geschichten, die zum Teil aus persönlichem Interesse entstanden sind. Ein Beispiel: Eine Freundin erzählte mir, dass der Vater ihres Kindes keinen Unterhalt zahlt und sie sich nun ungerecht behandelt fühlt, da sie auch keinen Unterhaltsvorschuss bekommt. Für mich steckte dahinter ein Thema: Wie geht der Staat mit Unterhaltsforderungen um. Tatsächlich ist daraus ein Beitrag geworden. Und so wie dieser entstanden ist, entstehen bei unseren Autoren viele Geschichten.

Das sind dann nicht unbedingt Geschichten zur aktuellen politischen Lage?
An der gehen wir natürlich nicht vorbei. Bis 1989 hatten wir die heimlichen Videos aus der DDR, mit der Öffnung der Mauer haben wir unseren Schwerpunkt auf den Prozess der Einheit gelegt und die Aufarbeitung der DDR begleitet. Und nun behandeln wir Themen wie etwa den Rechtsradikalismus in Deutschland. Wir versuchen aber immer wieder, eigene Blickwinkel einzubringen und Geschichten aufzudecken, die bislang noch nicht behandelt wurden – so wie die über den Drogenschmuggel in die Jugendstrafanstalt Plötzensee oder die Wiederverwendung von medizinischen Einweginstrumenten.

Hat "Kontraste" denn heute noch ein Alleinstellungsmerkmal?
Solch ein Markenzeichen zu entwickeln ist heutzutage für alle Polit-Magazine sehr schwierig. Die Handschrift der Beiträge ist für mich das Alleinstellungsmerkmal – ich sehe einem Beitrag beispielsweise an, ob er von "Panorama", "Monitor" oder eben von uns ist. Typisch für uns ist außerdem, dass wir sehr unideologisch sind: Wir sind freier in der Fragestellung und offen in dem, was der Beitrag aussagt. Damit lassen wir dem Zuschauer Raum für seine eigene Meinung.

Sie haben ja eine entscheidende Rolle für die westliche Berichterstattung aus der DDR gespielt. Woher kam Ihr Engagement?
Als DDR-Bürger habe ich erfahren, wie wichtig Informationen aus dem Westen sind. Nach meiner Zwangsausbürgerung hatte ich dann Infos aus dem Osten, die ich sowohl dort als auch im Westen bekannt machen wollte. Mit Fotos und Schriftstücken aus der DDR-Opposition bin ich zu "Kontraste" gegangen, die großes Interesse an zuverlässigen und seriösen Informationen aus dem Osten hatten. Die Redaktion war nicht sensationsheischend, sondern sensibel – und ich wollte dabei sein, wenn die Infos zusammengebaut wurden. So habe ich bei dem Magazin angefangen.
Ich habe Kameras gekauft und an Freunde in den Osten geschickt, die damit dann zum Beispiel Mülldeponien gefilmt haben. Die Kassetten mussten dann zurück in den Westen: Ein ganzes Netz aus Schmuggelwegen hat mir dabei geholfen. Am Ende kamen dabei Beiträge heraus wie über die Umweltverschmutzung in der DDR oder etwa über Neonazis im Osten – und das schon 1988. Von der DDR-Führung kamen starke Reaktionen, da sie ihre Korrespondentenregelung verletzt sahen.

Die Menschen, die in der DDR für "Kontraste" gedreht haben, waren wahrscheinlich keine ausgebildeten Journalisten?
Nein, meine Kontaktpersonen wussten zum Teil nicht, was Schnittbilder sind, die ersten Aufnahmen waren durchweg wackelig – dafür aber sehr authentisch. Und eine Mülldeponie erkennt man auch, wenn es wackelt. Mit der Zeit wurde es dann besser.
Diese Beiträge haben etwas verändert, sie haben den Menschen die Augen geöffnet für Dinge, die direkt um sie herum geschahen. Daran sieht man die Kraft, die Fernsehen haben kann.

Welche Bedeutung hatte denn "Kontraste" für die Menschen in der DDR?
"Kontraste" gab Halt: Da kümmerte sich jemand und vermittelte das Gefühl, nicht allein gelassen zu werden. Ich selbst habe ja als junger Mensch "Kontraste" in Jena gesehen. Und das Magazin bot einen Ausgleich für die nicht vorhandene Informationsfreiheit in der DDR. Jemand aus Rostock hat erfahren, wie es in Leipzig geht – das wäre sonst gar nicht möglich gewesen.

Nun sind Sie seit zwei Jahren Chef vom Dienst und machen selbst keine Beiträge mehr. Fehlt Ihnen das?
Ein wenig schon. Aber es macht auch Spaß, mit den vielen Autoren zusammenzuarbeiten und Erfahrungen weiterzugeben. Und: Es wird auch nach 20 Jahren nicht uninteressant. Ich lerne immer noch dazu und ständig gibt es etwas Neues.

Ist Ihnen denn aus der langen Zeit ein Beitrag ganz besonders im Gedächtnis geblieben?
Es fällt mir schwer, das auf eine Geschichte zu reduzieren. Von den DDR-Beiträgen gibt es ja DVDs, bei denen ich staune, dass sie nach so vielen Jahren noch solch eine Wirkung haben. Wie zum Beispiel die Offenbarung einer Inoffiziellen Mitarbeiterin der Stasi aus dem November 1990: Das 13-minütige Interview war etwas ganz Besonderes, weil sie sich so vor der Kamera offenbart hat. Legendär ist auch der Beitrag, als wir einen Stasi-Offizier vor laufender Kamera enttarnt haben. Die Beiträge aus dieser Zeit haben einfach einen historischen Rahmen, einen besonderen Wert und sind Dokumente der Zeitgeschichte. Trotzdem fällt das, was danach gekommen ist, nicht ab: Ich erinnere mich etwa an einen Beitrag über Neonazis in einem Dorf in Hessen. Getarnt als Geburtstagsfeier trafen die sich auf einem Bauernhof. Nachdem unser Beitrag gelaufen war, bekamen wir ein riesiges Danke aus der Kleinstadt. Die waren froh, dass jemand mal zeigt, was da abläuft und solche Veranstaltungen danach verboten wurden.

Sie haben jetzt öfters die Auswirkungen der "Kontraste"-Beiträge betont. Sind Ihnen denn konkrete Konsequenzen wichtig?
Auf alle Fälle. Als politisches Magazin haben wir den Anspruch, Missstände aufzuzeigen, damit sich etwas ändert. Wir wollen aufzeigen, aufklären, aufdecken und die Politik zum Handeln herausfordern. Und wenn sich dann etwas ändert, dann ist das eine persönliche Genugtuung, bedeutet aber auch eine große Verantwortung.

Letzte Frage, Herr Jahn: Was wünschen Sie "Kontraste" zum 40. Geburtstag?
Gesunde weitere 40 Jahre. Mit gesund meine ich, dass die ARD die Rahmenbedingungen stellt, damit wir so weiterarbeiten können wie bisher. Dass wir genug Möglichkeiten für investigative Recherchen haben und nicht von Einsparungen um jeden Preis und Quotendruck getrieben werden. Dem Zuschauer darf man nicht nur leichte Kost vorsetzen. Insgesamt bin ich aber optimistisch, dass das gelingt.

Das Gespräch führte Alice Lanzke.

Dieser Text gibt den Sachstand vom 15.01.2008 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

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