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Jede vierte Frau wird in ihrem Leben Opfer häuslicher Gewalt. Für viele ist ein Frauenhaus Rettung in höchster Not. Doch die Unterbringung und Betreuung gibt es nicht umsonst. In den meisten Bundesländern sind Frauenhäuser unterfinanziert und darauf angewiesen, dass die Opfer die Kosten für die Hilfe in der Not selbst zahlen. Viele schutzsuchende Frauen können das Geld nicht aufbringen.
Dieter Bohlen soll es getan haben, Chris Brown auch und tausende andere Männer in Dtl. tun es jeden Tag: Sie schlagen ihre Frauen. Kaum zu glauben: Rund ein Viertel aller Frauen hier bei uns im zivilisierten Deutschland sind im eigenen Hause bereits geprügelt worden. Auch das ist kaum zu glauben: Bildung und Einkommen spielen dabei keine Rolle. Kein Wunder, dass etwa 40-tausend Frauen hierzulande pro Jahr in Frauenhäuser fliehen. Und schwer zu glauben auch dieses: Den Schutz, den die letzte Zuflucht Frauenhaus bietet, müssen die Opfer meist auch noch selbst bezahlen. Andrea Everwien klärt auf.
Szenen aus einem ARD-“Tatort“
„Man isst die Wurst nicht ohne Brot!“
„Warum nicht?“
„Weil man das verdammt noch mal nicht macht.“
Gewalt in der Familie – jede 4. Frau erlebt das ganz real in ihrem Zuhause.
Der Fall Sophie
Auch sie hat Gewalt ausgehalten - 18 Jahre lang. Sie will anonym bleiben. Wir nennen sie Sophie.
Sophie
„Also eigentlich selten war das nicht.“
KONTRASTE
„Und er hat Sie geschlagen?“
Sophie
„Geschlagen – manchmal auch versucht, mich zu vergewaltigen, und ja, mit einem Messer kam er dann an und mit einem Wasserkocher heißes Wasser über den Kopf gießen und ja, so.“
Sophie hat 2 Kinder mit diesem Mann. Solange die beiden klein waren, wollte sie ihnen die Illusion einer heilen Familie erhalten – und vielleicht auch ein bisschen sich selbst.
Sophie
„Ich habe immer gedacht, die Kinder sind klein. Und er hat immer gesagt: Entschuldigung, ich ändere mich und ja, da habe ich immer gedacht, naja, vielleicht wird es ja noch was – ja.“
Doch als die Kinder erwachsen wurden, haben sie ihre Mutter genauso verachtet wie der Vater.
KONTRASTE
„Was war denn der Auslöser, dass Sie gesagt haben; jetzt ist Schluss?"
Sophie
„Der Auslöser: dass die Kinder schon auch so über mich gesprochen haben wie er, Schlampe gesagt haben und was willst Du noch hier, wann gehst Du – und irgendwie hat sich das alles in meinem Kopf gesammelt und es hat Klick gemacht und dann - ich war weg. Ich habe meine Handtasche nur gepackt und bin gegangen.“
Theoretisch hätte Sophie in der Wohnung bleiben und ihren Mann mit Hilfe der Polizei weg weisen lassen können. Doch aus Angst verzichtete sie darauf. Ihr Mann hätte sie sie sicher in der Wohnung wieder aufgesucht – schließlich hat er sie auch sonst überall hin verfolgt.
Sophie
„An der Arbeit hat er mich angefallen. Der hat draußen gewartet und ist einer Arbeitskollegin ins Auto gefahren und hat mir immer gedroht, mich umzubringen und es war ganz schlimm.“
Dass Sophie ihre 16 und 17-jährigen Söhne verließ, schmerzt sie. Doch dass sie ging, war ihre einzige Rettung.
Das Frauenhaus
Bis vor kurzem lebte Sophie versteckt in diesem Frauenhaus im Ruhrgebiet. Mit anderen Frauen kochen, Kaffee trinken, reden – zum ersten Mal seit 20 Jahren hat sie hier Ruhe und Schutz gefunden.
Das Frauenhaus bietet keinen Luxus, aber Geborgenheit – und Sicherheit vor Schlägen. Hier können die Frauen sich überlegen, wie es in ihrem Leben weitergehen soll.
Eine Sozialarbeiterin und eine Erzieherin – für den Fall, dass Kinder dabei sind - unterstützen sie bei Behördengängen, vermitteln Rechtsanwältinnen und Ärzte.
Wer zahlt?
Die öffentliche Hand finanziert dieses Frauenhaus – jedoch nur zum Teil. Art und Höhe der Finanzierung bestimmen Länder und Gemeinden. Und für dieses Haus gibt es eben nur etwa 75% der Kosten.
Den Rest muss das Frauenhaus selbst eintreiben – entweder durch Spenden, durch Transfermittel oder durch Tagessätze direkt von den Bewohnerinnen.
Marion Steffens, „Frauen helfen Frauen e.V.“, Ennepe-Ruhr-Kreis
„Wir müssten also Sophie die Kosten in Rechnung stellen und die Tagessätze von ihr einfordern.“
KONTRASTE
„Und wie viel wäre das?“
Marion Steffens, „Frauen helfen Frauen e.V.“, Ennepe-Ruhr-Kreis
„Pro Tag 31 Euro.“
KONTRASTE
„Also im Monat 930 Euro, in zwei Monaten 1.860 Euro .“
Marion Steffens, „Frauen helfen Frauen e.V.“, Ennepe-Ruhr-Kreis
„So ist es.“
Doch Sophie kann die 1860 Euro nicht selbst zahlen. Zwar hat sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Vermögen. Doch der verhindert, dass sie ihren Anteil zu Geld machen kann – er droht mit Gewalt, verweigert die nötigen Unterlagen.
Die Folge: monatelang musste Sophie von einem Darlehen des Jobcenters leben – 75 Euro alle 10 Tage. Das reicht gerade für Verpflegung und Kleidung – die Tagessätze des Frauenhauses kann sie davon nicht zahlen.
Ungeklärte Vermögensverhältnisse, Ämterstreitigkeiten – Sophies Fall ist kein Einzelfall. Für dieses Frauenhaus bedeutet das: es bleibt jährlich auf 10 % seiner Kosten sitzen.
KONTRASTE
„Wer finanziert zurzeit den Aufenthalt von Sophie im Frauenhaus?“
Marion Steffens, „Frauen helfen Frauen e.V.“, Ennepe-Ruhr-Kreis
„Zurzeit finanziert den der Trägerverein.“
Was tut der Staat?
Bisher werden nur in Hamburg, Schleswig-Holstein und Berlin die Frauenhauskosten komplett aus öffentlichen Kassen finanziert.
In allen anderen Bundesländern müssen die Frauenhäuser Tagessätze fordern - je nach der Höhe der Beiträge von Kommune und Land sind die unterschiedlich hoch:
Zwischen 1,06 Euro in Thüringen und 102 Euro in einem Haus in Bayern.
So sind die Bedingungen für Schutz in Deutschland extrem unterschiedlich – je nachdem, wo die Frauen gerade unterkommen.
Marion Steffens, „Frauen helfen Frauen e.V.“, Ennepe-Ruhr-Kreis
„Eine Frau, die Zuflucht sucht, die kann vorher nicht wissen, habe ich jetzt Pech und komme ich in ein Frauenhaus, für das ich die ganzen Tagessätze selbst finanzieren muss oder habe ich Glück und ich bin in einem Frauenhaus, das voll finanziert ist und das für mich kostenlos ist.“
Besonders problematisch: Ältere Frauen mit niedriger Rente, Auszubildende, die Bafög bekommen, auch türkische Ehefrauen, die noch kein eigenes Aufenthaltsrecht in Deutschland haben - all diese Frauen können den Aufenthalt im Frauenhaus oft nicht aus eigener Tasche bezahlen.
Manche Frauenhäuser nehmen sie deswegen schon gar nicht mehr auf.
Dabei ist der Schutz vor Gewalt ein Recht, das allen gleichermaßen zusteht – und eine Aufgabe, die nach dem Grundgesetz dem Staate zukommt. In Artikel 2 heißt es:
„Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.“
Irmingard Schewe-Gerigk, Grüne Frauenpolitikerin im Bundestag, unterstützt die Forderung nach der öffentlichen Vollfinanzierung der Frauenhäuser. Der Staat könne ja dann versuchen, sich das Geld wieder zu holen – nur nicht bei den Opfern, sondern bei den Tätern.
Irmingard Schewe-Gerigk (Bündnis 90/Die Grünen), MdB
„Der Schutz vor Gewalt ist Aufgabe des Staates. Wo ich allerdings der Meinung bin, dass die Täter auch zur Rechenschaft gezogen werden. Dass man sagt, wenn so ein Prozess abgelaufen ist, dann muss der Verursacher auch zahlen. Das heißt die Kosten, die für die Frau im Frauenhaus entstanden sind, kann man im Nachhinein ohne weiteres vom Mann zurück fordern. Wenn er der Täter war, ist ja nicht einzusehen, warum er nicht auch dafür zahlen soll.“
Doch das scheint noch nicht in allen Politikerköpfen angekommen zu sein. Bundesfrauenministerin Ursula von der Leyen konnte sich bisher nicht zu einer Meinung in Sachen Frauenhausfinanzierung durchringen. Ein Interview vor der Kamera lehnte sie ab.
So werden immer wieder Frauenhäuser auf ihren Kosten sitzen bleiben. Und: immer wieder werden Frauen zurückgeschickt werden müssen - zu ihren gewalttätigen Männern.
Beitrag von Andrea Everwien
Anm. d. Red.: Ein Tagessatz von 102 Euro ist in Bayern eine Ausnahme. In den meisten Frauenhäusern in Bayern sind die Kosten für die Frauen niedriger.
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
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