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Do 28.05.09 21:45

Kurras, der Todesschuss und die Stasi

Diese Nachricht traf eine Generation ins Mark: Karl-Heinz Kurras, der West-Berliner Polizist, der am 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschoss, war Stasi-Spitzel und SED-Mitglied. Wäre das damals bekannt gewesen: Hätte es die Revolte von `68 je gegeben?

Karl-Heinz Kurras, der Mann, der Benno Ohnesorg erschossen hat. Seine Enttarnung als Stasi-Spion und SED-Mitglied wirft viele Fragen auf: Wäre die 68er Bewegung anders verlaufen, wenn die Studenten damals gewusst hätten, dass Kurras SED-Mitglied, also Kommunist, war? Fusst die Studentenrevolte auf einer völlig falschen Annahme? Meine Kollegen Axel Svehla und Benedict Maria Mülder haben 2 unterschiedliche Protagonisten der 68er-Bewegung einander gegenübergestellt.

2. Juni 1967. Schahbesuch in West-Berlin. Über diese dramatische Ereignisse produziert eine Journalistin einen provozierenden Film. Den Kommentar spricht sie selbst. Ihr Name: Ulrike Meinhof.

Ulrike Meinhof, 1967 Journalistin
„Die Proteste gegen einen Polizeistaatschef entlarvten unseren Staat selbst als Polizeistaat. Polizei- und Presseterror erreichten am 2. Juni in Berlin ihren Höhepunkt.“

Dazu folgt eine Diskussion im Studio des damaligen SFB. Ulrike Meinhof, später Terroristin der Rote Armee Fraktion, zieht einen fragwürdigen Vergleich. Es geht um den Polizeieinsatz gegen die Studenten.

Ulrike Meinhof, 1967 Journalistin
„Dann sehe ich wirklich nicht mehr den Unterschied zwischen Polizeiterror, den wir in Berlin schon erlebt haben, der uns angedroht wird, und zwischen dem SA-Terror der 30er Jahre.“

Die Polizei geht nicht zum ersten Mal mit besonderer Härte gegen die Demonstranten vor. Am Rande der Tumulte wird der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen. Der Schütze, Karl Heinz Kurras, wird zwei Mal mangels Beweisen freigesprochen. Jetzt wurde bekannt : Kurras war SED-Mitglied und spitzelte für die Staatssicherheit der DDR. Sind das Gründe, die Geschichte der Studentenbewegung umzuschreiben?

Damals mit dabei der Historiker Götz Aly und der Publizist Tilman Fichter.Was bedeutet die Tatsache, dass ausgerechnet ein kommunistischer Spion die Schüsse auf einen Sympathi-santen der Protestbewegung abgab?

Götz Aly, Historiker
„Alle haben sich geirrt. Die Grundlagen für den 2.Juni, der immer als Schlüsselerlebnis und zu Recht als Schlüsselereignis für die Studentenbewegung gesehen wird, sind weg. Die Studenten, zu denen ich damals gehört habe, haben ein Phantom bekämpft, einen Schergen sozusagen des kapitalistischen Staatsapparates, des postfaschistischen, westdeutschen Staatsapparates, der in Wirklichkeit gar nicht dazu gehörte.“

Tilman Fichter Publizist
„Man darf ja nicht vergessen, dass bevor Kurras den unbewaffneten Benno Ohnesorg von hinten erschossen hat, hat die Polizei ja schon hunderte von Kommilitoninnen und Kommilitonen blutig zusammengeschlagen, und ich muss sagen, ich wundere mich noch heute, dass es damals nur einen Toten gegeben hat. Das hätten auch vier, fünf Tote sein können.“

Wie kommt die damalige Eskalation der Gewalt zustande? Ist es der Schuß auf Ohnesorg oder gießt vor allem die Boulevardpresse zusätzlich Öl ins Feuer?

Götz Aly, Historiker
„Und der Schuß vereinfacht die Orientierung. Der nimmt der Welt die Grautöne, macht sie zu schwarz-weiß und zwar in einer ganz falschen Weise und erleichtert es der deutschen Nachkriegsjugend, sich aus der eigenen nationalen Geschichte zu verabschieden.“

Tilman Fichter Publizist
„Die Springer-Presse hat die Demokratie in Deutschland am Ende der 60er Jahre gefährdet. Das ist meines Erachtens überhaupt nicht zu bestreiten, und die RAF hat Anfang der 70er Jahre die Demokratie gefährdet. Und natürlich gab es eine unheilvolle Dialektik zwischen Springer-Presse und RAF, viel mehr noch als zwischen dem Schuss von Kurras und der Radikalisierung in der Studentenschaft.“

Die Studentenbewegung unterstützt die – wie sie es nennt – Befreiungskämpfe der 3. Welt. „Hoch die internationale Solidarität!“, heißt es. Was ist das Motiv dafür?

Götz Aly, Historiker
„Wenn man den Internationalismus von uns Studenten 1967folgende ansieht, dann ist es ja so, dass wir als Deutsche zu recht ein schlechtes Gewissen haben oder hatten und sich diese Jungstudenten sozusagen abgewandt haben von der Geschichte ihrer eigenen Nation und aus diesem schlechten Gewissen geflohen sind, sie sind geistig ausgewandert aus Deutschland und machten sich zum guten Gewissen der Welt, zum obersten Gewissenshüter.“

Tilman Fichter Publizist
„Und dann der Krieg in Vietnam. Das vergisst man heute, zum ersten Mal ist ein Krieg jeden Abend im Fernsehen übertragen worden und dass die Amerikaner wirklich versucht haben, dieses Schwellenland in die Steinzeit zurückzubomben, das hat vielleicht für die radikale Emotionalisierung der Studenten eine größere Rolle gespielt, als das Attentat auf Rudi und der Mord an Ohnesorg.“

Wäre der Protest 1967 anders verlaufen, wenn Kurras als Agent der DDR Staatssicherheit schon damals enttarnt worden wäre? Führte Kurras - als typischer Vertreter der ‚westdeutschen Staatsmacht’ - die Studentenbewegung in eine völlig falsche Richtung?

Götz Aly, Historiker
„Es war ein Holzweg, ein falscher Weg, es war ein Umweg. Und daran ändert sich nichts, wenn man da auf Nebenschauplätze geht und sagt, ein Polizist, Ost und West und ein Stasimann und ein Westberliner Polizist, das waren ähnliche autoritäre Säcke.“

Tilman Fichter Publizist
„Das zeigt doch, wie eng zum Beispiel der autoritäre Charakter im einen System mit dem anderen System kooperieren konnte. Und das ist bis heute nicht ausgelotet. Also, ich würde mal sagen, Kurras ist eine Chance für die Geschichtsschreibung, aber bitte schön nicht nur die Geschichtsschreibung der Studentenbewegung, Studentenschaft, sondern überhaupt Geschichtsschreibung nach 1945.“

Als Benno Ohnesorg nach Hannover überführt wird, geben ihm Tausende das letzte Geleit. Niemand von ihnen rechnet damit, dass der 2. Juni 1967 nach über 40 Jahren erneut einen Streit in der Gesellschaft auslösen wird.

Und dieser Streit wird weitergehen, wer weiß, was noch in den ungefilzten Akten der Birthler-Behörde schlummert. Wir sind sehr interessiert, Ihre Meinung zu hören. Bloggen Sie mit uns zu der Frage: Wäre die Geschichte anders verlaufen, wenn man 67 gewusst hätte, dass der Ohnesorg-Todesschütze ein Stasi-Spitzel war? Schreiben Sie uns unter www. kontraste.de.

Beitrag von Benedikt Maria Mülder und Axel Svehla

Dieser Text gibt den Sachstand vom 28.05.2009 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

 

Video 28.05.09

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