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Dietrich Witzel ist bis heute stolz darauf, dass er zur Sondertruppe "Brandenburger" der Wehrmacht gehörte. Sie war Speerspitze für Hitlers Eroberungswahn und traf Vorbereitungen für die Invasion weiterer Länder wie etwa Afghanistan. Witzel verharmlost die Kriegsverbrechen der Wehrmacht. Trotzdem schrieb er an einem Wegweiser für Bundeswehrsoldaten mit.
In der vergangenen Sendung haben wir aufgedeckt, welche unselige Rolle die Wehrmacht in Teilen der Bundeswehr bis heute noch spielt. Darauf gab es viel Resonanz, offenbar haben wir mit dem Thema einen Nerv getroffen. In einem Kommentar wurden wir etwa als „vaterlandslose paranoide Nestbeschmutzer“ beschimpft. „Die Würde der Helden der Deutschen Wehrmacht,“ so heisst es hier, sei „unantastbar“. Viele andere Zuschauer aber stimmten uns zu. Und: Es kam ein wertvoller Hinweis zu einem weiteren brisanten Fall. Caroline Walter und Alexander Kobylinski sind ihm nachgegangen.
Das ist Dietrich Witzel. Er sitzt vor seiner Afghanistan-Karte aus dem Jahr 1942, nur für den Dienstgebrauch. Witzel gehörte als Offizier zu einer Sondereinheit der Wehrmacht, namens „Brandenburger“. Auf der Karte zeigt er, wo die Wehrmacht damals in Afghanistan landen sollte, um von dort die Invasion Indiens vorzubereiten.
Das war Hitlers Plan, nach dem Russlandkrieg sollte noch lange nicht Schluss sein. Die „Brandenburger“ waren – wie in Afghanistan - oft das Vorauskommando, und sollten den Vormarsch der Wehrmacht beschleunigen.
Witzel hatte sich freiwillig zu dieser Sondertruppe „Brandenburger“ gemeldet, und der Ritterkreuzträger ist bis heute stolz, dazu gehört zu haben. Von Kriegsverbrechen der Wehrmacht will er nichts wissen.
Dietrich Witzel
„Die Verbrechen, die waren ja nur ein, ein Seiteneffekt, nicht. Ich mein, uns ging’s um die Verteidigung Deutschlands, nicht.“
Ein Vernichtungskrieg und Millionen Opfer ein Seiteneffekt?
Doch Wehrmachtsveteran Witzel wird noch heute hofiert: von der Bundeswehr.
Jeder Soldat, der in den Einsatz nach Afghanistan geht, erhält zur Vorbereitung dieses Taschenbuch. Der Wegweiser von der Bundeswehr soll den Soldaten Hilfe beim Verständnis des Landes geben.
Im historischen Teil finden wir einen Aufsatz über die Rolle der Wehrmacht in Afghanistan, Titel „Unternehmen Tiger“. Autor des Aufsatzes: DW – also Dietrich Witzel. Sein Aufsatz verharmlost Hitlers Eroberungswahnsinn in Richtung Indien. Lapidar heißt es da, Zitat:
„Der Kriegsverlauf ließ diese Pläne scheitern.“
Herausgeber und verantwortlich für diesen Wegweiser ist das militärgeschichtliche Forschungsamt der Bundeswehr.
Der Historiker Detlef Bald kritisiert, dass sich ausgerechnet ein Mitglied einer Wehrmachts-Sondereinheit in einem Buch für Bundeswehrsoldaten ausbreiten darf.
Detlef Bald, Militärhistoriker
„Man darf bei der Geschichte der Brandenburger nicht vergessen, dass sie Teil des weltweiten Expansionsdranges des Dritten Reiches und der Judenvernichtungspolitik waren. Ihre Geheimoperationen waren Teil dieser Pläne. Und sie haben aktiv und in heute verwerflicher Weise diese ganze Politik mitgetragen.“
Die „Brandenburger“ waren Hitlers Männer für Sonderaktionen hinter den feindlichen Linien. Dort sicherten sie Brücken für den Blitzkrieg oder verübten Sabotageakte.
Sie organisierten auch Waffenlieferungen in arabische Länder. Denn Hitler und der Großmufti von Jerusalem hatten ein gemeinsames Ziel: die Judenvernichtung. 1944 wurde die „Brandenburger“ direkt SS-Chef Himmler unterstellt.
Witzel bekam einen Spezialauftrag in der Ukraine. Er paktierte mit ukrainischen Nationalisten. Diese verübten Massenmorde an Polen und Juden. Doch davon will Dietrich Witzel nichts gewusst haben - wie von so vielem.
Dass Ende des Naziterrors ist für Witzel kein Tag der Befreiung gewesen – bis heute nicht.
Dietrich Witzel
„Ich kann nur befreit werden von etwas, was ich also ausgesprochen als drückend empfand, nicht. Und ich mein, ich müsste lügen, wenn ich sagte, ich hab das als Joch empfunden, nicht.“
Heute ist Witzel ein gern gesehener Gast in rechten Kreisen. So gab er der rechtsextremen Deutschen Militärzeitschrift ein Interview über seinen Wehrmachts-Einsatz in Afghanistan und zog auch noch Parallelen zum Bundeswehreinsatz.
Und vor kurzem war er Gast bei einer Veranstaltung des rechtsextremen Verlegers der Zeitschrift. Witzel wurde natürlich besonders erwähnt.
Trotzdem darf der Wehrmachtsveteran in dem Afghanistan-Wegweiser für Bundeswehrsoldaten auftreten. Unverantwortlich, findet der Bundestagsabgeordnete Sebastian Edathy.
Sebastian Edathy (SPD), Mitglied Innenausschuss Bundestag
„Da haben alle Kontrollmechanismen offenkundig versagt. Es kann nicht sein, dass nach Gutdünken dort frühere Beteiligte an der Umsetzung der NS-Ideologie, beauftragt werden, Texte für die Bundeswehr und ihre Veröffentlichung zu schreiben. Das ist für mich absolut unverständlich, wie es soweit kommen konnte es muss sichergestellt werden, dass es sich nicht wiederholen kann.“
Wir konfrontieren das militärgeschichtliche Forschungsamt der Bundeswehr damit. Kein Interview. Das Amt teilt uns jetzt mit: man überprüfe den Fall und der Wegweiser werde in der jetzigen Fassung vorerst nicht mehr an Soldaten ausgegeben.
Beitrag von Alexander Kobylinski und Caroline Walter
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/kontraste/archiv/kontraste_vom_30_04/beitrag_4.html