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Do 09.04.09 21:45

Kein Platz für die Natur – das Auslaufmodell Bundesgartenschau

Bundesgartenschauen sind bei Bürgermeistern beliebt: Sie locken Millionen an Besuchern und noch mehr Fördergelder in die Stadt. Doch der schöne Schein hat dunkle Schattenseiten: Wo die konservative Gartenlobby hinkommt, gibt es keinen Platz für moderne ökologische Konzepte. Und: während die Gartenbauer garantiert auf ihre Kosten kommen, bleiben immer mehr Städte auf millionenschweren Schulden sitzen.

Die BUGA, die alljährliche Bundesgartenschau – das ist die schöne bunte Welt der Blumenrabatten, Buchsbaumhecken und Begonienbeete. In 14 Tagen beginnt sie wieder, diesmal in Schwerin. Seit Generationen streben Familien zur BUGA, wie hier 1979 in Bonn, um sich an akkuraten Arrangements blühender Beetpflanzen zu erfreuen. Doch die Idylle trügt, denn hinter der BUGA steckt ein knallhartes Geschäft. Unser KONTRASTE-Autor Chris Humbs hat aufgedeckt, wie die großen Gartenbauverbände mit öffentlichen Fördergeldern Kasse machen können – bei Bundes- und bei Landesgartenschauen. Und das sogar auf Kosten der Natur.

Diese Bilder wurden uns zugeschickt. „Hier entsteht eine Gartenschau“ - stand auf der Kassette. Eine Rodung für eine Gartenschau? Das fanden wir merkwürdig! Und fuhren nach Kitzingen - zur schönen Stadt am Main.

„Lasst uns ein Apfelbäumchen pflanzen" – das ist das Motto der Gesellschaft, die für die Gartenschauen in Bayern verantwortlich ist. Für so manchen hier ist es recht unverständlich, warum eine schöne Parkanlage einer Gartenschau weichen soll?

Bürger
„Erstmal schön gewachsene Natur platt machen um dann Natur aus dem Ikea Katalog her zu zaubern, dass macht für mich keinen Sinn."
„Hier wurden so große Fehler gemacht, die keiner eigentlich nachvollziehen kann. Mir verschlägt es die Sprache."


Die Fällarbeiten wurden von der Stadt angeordnet. Auf Grund dieses Wirtschaftlichkeits-Gutachtens vom Januar 2009. Darin steht: Falls die Bäume gerodet werden, bestünde, Zitat:
„…die Aussicht eines reibungsloseren, rascheren und damit auch kostengünstigeren Bauablaufs.“

Zudem heißt es darin: Die Bäume müssten beschnitten werden, damit bei der Gartenschau keine morschen Äste auf die zahlenden Zuschauer fallen.
Daraus machte man im Rathaus: die Bäume müssen weg, weil sie krank sind.

In Kitzingen mag wegen solcher Ungereimtheiten keine rechte Vorfreude auf die Gartenschau aufkommen. Doch die Veranstaltung braucht viele Besucher um sich halbwegs zu tragen. Das Gemeinschaftsprojekt der Bayerischen Gartenschaugesellschaft und der Stadt muss gut 2,3 Millionen an der Kasse einnehmen. Das ist die Hälfte der Investitionskosten.

KONTRASTE
„Wenn aber jetzt nur ein Viertel herein kommt, dann müssen die Verbände einen Teil bezahlen und eine Teil die Stadt?"
Siegfried Müller (USW), Oberbürgermeister Kitzingen
„Nein, das Risiko trägt die Stadt."
KONTRASTE
„Warum?"
Siegfried Müller (USW), Oberbürgermeister Kitzingen
„Geht halt nicht.“
KONTRASTE
„Warum nicht?“
Siegfried Müller (USW), Oberbürgermeister Kitzingen
„Ja, da gibt es halt Gesetze und die Gesetze können wir nicht machen."

Gesetzte? Die betrifft es gar nicht – es geht lediglich um Verträge. Und die diktiert offensichtlich die bayerische Gärtnerlobby.

Doch was in Kitzingen im Kleinen passiert, wird selbst im Großen – auf Bundesebene nachgemacht. Wir fahren nach Schwerin. Auch hier wird fleißig gebaggert und planiert – Vorbereitungen für die Bundesgartenschau, kurz BUGA.

In zwei Wochen wird eröffnet. Der Schlosspark wurde auf Vordermann gebracht. Auch hier mit der Kettensägen-Methode.

Arndt Müller, Bund für Umwelt und Naturschutz, Schwerin
„An dieser Stelle hat man über 200 alte Linden gefällt, zur BUGA waren sie angeblich nicht mehr standortgerecht. Man hat sie durch junge ersetzt. Alte Bäume haben eine ganz andere Co2-Bilanz. Warum man sich so entschieden hat, ist nicht nachvollziehbar."

Nicht nachvollziehbar ist für die Naturschützer auch, dass dieser Entwässerungsgraben durch ein geschütztes Moorgebiet gezogen wurde.

Für Jürgen Milchert, ein kritischer Experte der Gartenschauen, haben diese rabiaten Eingriffe in die Natur System. Er kennt BUGAs von innen, saß in den Entscheider-Gremien.

Prof. Jürgen Milchert, Landschaftsarchitekt, FH Osnabrück
„Die Buga schafft es meistens nicht, Belange des Naturschutzes einzubringen, weil sie eben von einem ganz anderen Bild von Natur ausgeht. Es geht eben nicht darum bei der Buga, so meinen die Leute, die das da machen, Altes zu entwickeln. Sondern man glaubt, der Berufsstand müsse zeigen, wie schnell er in ganz kurzer Zeit Neues schaffen kann.“

Dieser Schaffensdrang fordert neben der Natur noch weitere Opfer: Die Städte - wie hier München. Denn die zahlen bei den großen Schauen häufig drauf – es kommen meist zu wenig Besucher. So riss die BUGA 2005 in München ein Loch von 12 Millionen Euro in die Stadtkasse.

Und bei der Internationalen Gartenschau in Rostock - 2003 - stand am Ende ein Minus von 20 Millionen Euro in der Bilanz.

Die Gartenlobby dagegen, kommt garantiert auf ihre Kosten: Und das liegt am Geschäftsmodell der Gartenschau. Hinter der Bundesgartenschau stecken drei Wirtschaftsverbände, die für ihre Mitglieder - wie Gartencenter oder große Planungsbüros - Lobbyarbeit betreiben. Sie wollen Leistungsschauen ihrer Branche veranstalten, um den Profit zu maximieren.

Eine solche Gartenschau kostet aber viel Geld. Das wollen die Lobbyverbände ungern ausgeben. Wie kommen sie nun aber an fremdes Geld? Um das zu organisieren gründen die Lobbyverbände erstmal einen Dachverband.

Zur Realisierung der Gartenschau sucht der nun eine Stadt als Partner. Die hat nämlich Zugriff auf Steuergelder – auf fremdes Geld. Die Stadt wird damit geködert, dass sie mit einer BUGA nicht nur neue Grünflachen bekommt – sondern auch neue Infrastruktur – Brücken oder Hallen.
Zum Sonderpreis. Denn dafür gibt es reichlich Fördergelder vom Bundesland und der EU. So bauen Städte die teuren Hallen - wie hier in Rostock, auch wenn sie gar nicht ausgelastet sind. Deshalb macht die Stadt sogar nach der BUGA noch Millionen Miese - wegen der Unterhaltskosten.

Und in Schwerin wurde sogar eine Insel aufgeschüttet - als Infrastrukturmaßnahme im Rahmen der BUGA. Für etwa 10 Millionen, so Schätzungen. Genaue Zahlen konnte uns niemand nennen.

Angelika Gramkow (Die Linke), Oberbürgermeisterin Schwerin
„Wir haben den Burgsee durch eine, finde ich, sehr intelligente, kreative aber auch moderne Architektur erweitert. Und eine schwimmende Wiese geschaffen, die natürlich nicht schwimmt, sondern einen festen block bildet, die zukünftig eine Festwiese sein soll für Bürgerinnen und Bürger, wo sich junge Leute vergnügen können.“

Die vergnügten sich bis dato im Schlosspark, die Stadt denkt aber darüber nach, dies in Zukunft zu unterbinden. Nach der BUGA sollen die jungen Leute lieber hier auf der Millionen-Insel bolzen. Dass der Ball von dort eventuell ins Wasser fällen könnte, hat man bei der Planung übersehen. Für den Bund der Steuerzahler sind solche Infrastrukturprojekte in der Regel völliger Unsinn.

Reiner Holznagel, Bund der Steuerzahler
„Man kann nicht negieren, dass viele Projekte in Gänze sehr teuer für den Steuerzahler geworden sind und das oftmals die Nachnutzung nicht da ist. D. h., wir haben für einen kleinen Zeitraum eine BUGA, die sehr viel Geld kostet und am Ende ist nichts gewesen außer Spesen.“

Die Gewinner der Bundesgartenschau sind die Lobbyverbände. Durch ihren Dachverband. Der hat nämlich bereits einen Millionenbetrag aus der Stadtkasse erhalten, unabhängig davon, ob die BUGA ein Erfolg wird oder nicht.

Der Dachverband erbringt für diese Steuergelder zum Beispiel eine Beratungsleistung bei der Umsetzung der BUGA. Er kann so Einfluss darauf nehmen, wie die Gartenschau auszusehen hat. So weichen dann oft die Interessen der Steuerzahler den Interessen der Gartenbauunternehmen.

Heinz Herker ist der Präsident des Zentralverbands Gartenbau, des wichtigsten Lobbyverbandes und zugleich ist er der Vorsitzende des Dachverbandes. Als Wirtschaftsmann hat er nichts gegen richtig gute Geschäfte:

Heinz Herker, Präsident Zentralverband Gartenbau
„Natürlich, wir leben in unserer Wirtschaft davon, leben gesamtwirtschaftlich davon, dass wir auch Geschäfte machen, und insofern dient das auch neben vielen anderen Gewerken dem Zentralverband Gartenbau."
KONTRASTE
„Wenn der Verband schon Geld mit den BUGAs verdient, müsste der Zentralverband dann nicht auch am Risiko beteiligt werden?"
Heinz Herker, Präsident Zentralverband Gartenbau
„Diese Frage ist sicherlich nicht so einfach zu beantworten."

Ist sie doch – meint man beim Bund der Steuerzahler.

Rainer Holznagel, Geschäftsführer Bund der Steuerzahler
„Im Sinne der Steuerzahler sollte man dann diese Rahmenbedingungen ablehnen, und man sollte die Kraft aufbringen, beispielsweise eine Buga abzulehnen."

Doch schon jetzt ist klar, es wird auch nach Schwerin noch lange so weitergehen. Die BUGAs sind bereits bis 2019 vergeben.

Beitrag von Chris Humbs und Robin Avram

Dieser Text gibt den Sachstand vom wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

 

Video 09.04.09

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