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Do 09.04.09 21:45

Wie die Klimaanlage das Klima killt – Autobauer blockieren Umweltschutz

Ab 2011 dürfen in der EU keine neuen Automodelle mehr mit dem herkömmlichen Kältemittel in den Klimaanlagen zugelassen werden. Trotz aller Beteuerungen von VW, Opel, Daimler und Co., umweltfreundlichere Autos bauen zu wollen, weigern sich die Hersteller, alternative Technik einzusetzen. Die Konzerne scheuen teure Investitionen und versuchen, das Verbot der alten Kältemittel hinauszuzögern.

Die Abwrackprämie, die gestern vom Kabinett bis Jahresende verlängert wurde, wurde von der Bundesregierung offiziell Umweltprämie genannt. Das klingt gut, doch der Begriff ist eine Mogelpackung. Denn die Hoffnung der Regierung, die Autoindustrie würde nun umweltverträglichere Autos als bisher bauen, ist trügerisch. Viele Öko-Autos halten nicht, was sie versprechen. Meine Kollegen Chris Humbs und Andrea Böll recherchieren sei Monaten, wie die Autoindustrie versucht, eine EU-Auflage zu Klimaanlagen zu umgehen.

Die internationale Automesse - der Salon in Genf: Schöne Frauen, große Sprüche, bunte Aufkleber. Doch ernsthafte Fortschritte in Sachen Umweltschutz halten sich in Grenzen.

Unter der Motorhaube gibt es bei allen Herstellern immer noch ein sehr umweltfeindliches Aggregat: die Klimaanlage. Technik von vorgestern in „Ökoautos“ von heute. Damit soll endlich Schluss sein, hat die EU entschieden.

In einer Autowerkstatt demonstriert ein Mechaniker, warum die alte Technik endlich abgeschafft werden muss. In jeder Klimaanlage befindet sich eine umweltschädliche Kühlflüssigkeit. Die entweicht über kleine Lecks – und zwar unvermeidlich, bei jedem Auto.

KONTRASTE
„Und das ganze Zeug geht dann…“
Jörn Dierking, Mechaniker, A.T.U.
„…in die Umwelt und schädigt unsere Umwelt. Und sorgt dafür, dass der Treibhauseffekt größer wird.“

Nur ein paar Tropfen - aber die summieren sich in Deutschland jährlich zu einer gigantischen Menge: die Klima schädigende Wirkung entspricht dem, was zwei Millionen Autos pro Jahr durch den Auspuff jagen.

Doch freiwillig will kein Hersteller die veraltete Technik ersetzen. Deshalb erließ die Europäische Union eine Verordnung, die sich an das Kyoto-Protokoll anlehnt. Neue Automodelle dürfen ab 2011 nur noch mit umweltfreundlichen Klimaanlagen betrieben werden.

Und: diese Technik gibt es längst. Für die Autoindustrie entwickelt eine Firma am Bodensee weltweit Komponenten, auch eine umweltfreundliche Klimaanlage – unterstützt vom Umweltbundesamt. Das besondere hier: das klimaschädliche CO2-Gas wird klimafreundlich eingesetzt: Als Kühlmittel in einer Klimaanlage.

Frank Obrist, Obrist Engineering
„Wir haben die Möglichkeit, aus der Atmosphäre das böse CO2, das schlecht wirkende CO2 zu entnehmen und verwenden es in einer geschlossenen CO2-Klimaanlage – und nutzen dort die hervorragenden Eigenschaften, die CO2 dort hat. Wenn dann am Schluss irgendwann einmal das Fahrzeug nach zehn Jahren am Schrottplatz landet, entweicht dieses CO2 wieder und es war ein Nullsummenspiel.“

Die Technik ist seit Jahren serienreif, könnte längst in Massen produziert werden.

Das weiß auch die Autoindustrie; sie setzt aber weiter – trotz des Ökobooms - auf die althergebrachte Klimatechnik. Auf der Messe suchen wir vergebens nach Fachleuten, die Auskunft darüber geben können, warum man den Einbau dieser neuen Technik verweigert.

Dabei wäre die C02-Klimaanlagen unterm Strich für den Kunden sogar billiger.

Frank Obrist, Obrist Engineering
„Durch die effizientere Klimaanlage, wie wir in verschiedensten Untersuchungen nachweisen konnten, haben wir eine Kraftstoffeinsparung und über diese Kraftstoffeinsparung kriegt man ein Mehrfaches von diesem zusätzlichen Betrag, den man am Anfang ausgeben muss, wieder herein.“

Für die Kunden ist die Technik also billiger und zugleich umweltfreundlicher – die Autoindustrie scheut aber diese Innovation. Denn sie müsste erstmal viel in die neue Technik investieren.

Doch um nicht gegen Gesetze zu verstoßen, sollten die Hersteller langsam etwas tun. Ab 2011 greift die EU-Verordnung. Und die Konzerne tun auch etwas: sie forschen an diesem Ersatz-Kühlmittel – von der Firma Honeywell, einem Chemieriesen aus den USA. Das ist bei weitem nicht so umweltfreundlich wie das CO2-Kühlmittel, aber ausreichend für die EU-Auflagen. Für die Autokonzerne eine preiswerte Lösung: Das neue Kühlmittel könnte einfach in die alten, ineffizienten Klimaanlagen eingefüllt werden - ohne zusätzliche Entwicklungskosten. Das Aggregat bleibt im Grunde erhalten, so wie es ist.

Nur dumm, dass einer der größten Naturschutzverbände Deutschlands, die Deutsche Umwelthilfe, eigene Tests durchgeführt hat. Man wollte herausfinden was geschieht, wenn das Kühlmittel von Honeywell bei einem großen Leck beispielsweise auf das heiße Auspuffrohr trifft? Ergebnis: die Chemikalie ist alles andere als unproblematisch.

Jürgen Resch, Deutsche Umwelthilfe
„Wenn der Autofahrer einen Unfall hat oder in einen Unfall hineingerät, besteht die Gefahr, dass eben austretende Kühlflüssigkeit sich entzündet z.B. am Abgaskrümmer bei ganz normalen Motortemperaturen, dabei entsteht eine relativ kontinuierlich abrennende Flamme und in der Flamme entsteht Flusssäure, eine der toxischsten Stoffe überhaupt. Da reichen wenige Tropfen aus, um einen Menschen zu töten.“

Wir konfrontierten den Hersteller mit den Ergebnissen.

KONTRASTE
„Die Frage ist, wie geht man mit solchen Tests um, die sind ja schon beängstigend?“
René Müller, Honeywell Fluorines
„Also ich sehe diese Fotos natürlich zum ersten Mal. Alle Automobilhersteller, die an diesem Produkt gearbeitet haben, haben uns versichert, dass es kein Problem gibt mit diesem Produkt.“

Schon vor einem halben Jahr konfrontierte Kontraste Hersteller mit diesen Fakten.
Konzerne, die die Honeywell-Chemikalie getestet haben, beschlossen daraufhin, auf sie zu verzichten. Dem Deutschen Autoverband war klar: Es muss jetzt zur sofortige Umstellung auf CO2 kommen, damit die EU-Frist 2011 eingehalten werden kann:

KONTRASTE
„Also das heißt, mit CO2 wird jetzt begonnen, es werden jetzt die Industriestrecken aufgebaut, die Produktion beginnt.“
Thomas Schlick, Verband der Automobilindustrie
„Exakt, die Firmen … werden jetzt ganz konkret das Thema Co2-Klimaanlage umsetzen.“

Doch diese Zusage wurde nicht eingehalten. Unsere Recherchen der letzten Monate haben ergeben: Bis heute wurde kein einziger Großauftrag für CO2-Klimaanlagen erteilt. Die Vorgabe der EU kann wegen des Genehmigungsvorlaufs und dem Aufbau der Zuliefer-Industrie nicht mehr fristgerecht eingehalten werden.

Doch warum halten sich die Konzerne nicht an ihr Versprechen? Wir wollen Antworten – kontaktieren die Autokonzerne nach einem halben Jahr erneut. Wieder muss der Verbandsgeschäftsführer für die Konzernlenker seinen Kopf hinhalten.

KONTRASTE
„Jetzt sagte man aber vor einem Jahr, die Entscheidung sei gefallen, man wird definitiv auf CO2 setzen, die Förderbänder werden sofort anfangen zu rollen. Das ist jetzt leider nicht passiert?“
Thomas Schlick, Verband der Automobilindustrie
„Ja, es gibt 2011 eine Richtlinie zu erfüllen und sie können davon ausgehen, dass wir die Gesetze auch einhalten.“
KONTRASTE
„Wird nicht klappen, sagen mir Wissenschaftler, sagen mir die Zulieferer, der Zug ist abgefahren, 2011 ist nicht mehr realisierbar, was machen wir nu?“
Thomas Schlick, Verband der Automobilindustrie
„Es gibt eine Richtlinie, die 2011 in Europa und auch in Deutschland damit in Kraft tritt und natürlich werden wir alle Gesetze erfüllen.“

Wie die Konzerne das anstellen wollen, diese Antwort bleibt er uns schuldig.

Wir recherchieren weiter, erfahren nun aus Brüssel, dass die Autokonzerne offenbar auf eine neue Strategie setzen. Sie haben ein Schlupfloch in der EU-Verordnung entdeckt. Dort heißt es nämlich: nur neue Automodelle müssen ab 2011 mit umweltfreundlicher Klimatechnik ausgerüstet sein. Doch was ist ein neues Modell? Das ist nicht genau geregelt. Da könnte die Herstellen doch ihren neuen Modelle zu alten erklären, behaupten, sie seien nur überarbeitet worden.

Für die alten, lediglich Überarbeiteten dürfte man dann weiter den althergebrachten Klimakiller verwenden, der heute schon die Umwelt zerstört.

Beitrag von Andrea Böll und Chris Humbs

Dieser Text gibt den Sachstand vom wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

 

Video 09.04.09

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