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Schätze aus dem Kölner Stadtarchiv sind in Berlin zu sehen (Quelle: dpa/Ausstellungsplakat/Montage)

Bis 11.4.2010

Verlust und Neubeginn: Das Kölner Stadtarchiv in Berlin

Die Mittelalterhandschrift aus der Sammlung von Ferdinand Franz Wallraf konnte nur noch als zerknüllter Papierberg aus den Trümmern des Kölner Stadtarchivs geborgen werden. Jetzt, nach viel Restaurierungskunst, liegt das jahrhundertealte Schriftstück als wäre nichts geschehen in einer Vitrine im Martin-Gropius-Bau. Die Handschrift ist eine von etwa 100 Leihgaben, die ein Jahr nach dem Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln bis 11. April in Berlin zu sehen sind.

Das Stadtarchiv war am 3. März 2009 in wenigen Minuten zusammengebrochen, als gegen 14 Uhr der Untergrund unter dem Magazintrakt weggespült wurde und das Gebäude in den entstandenen Krater kippte. Auch die angrenzenden Nachbarhäuser sackten ein und zwei Menschen kamen ums Leben.

Ab dem 6. März 2010 werden im Martin-Gropius-Bau der Archiveinsturz dokumentiert, die Rettungsaktionen der Profis und der vielen freiwilligen Helfer geschildert und die aufwendigen Restaurierungsarbeiten illustriert. Es ist eine Ausstellung über das Glück, schon ein Jahr nach dem Unglück wieder Leihgaben zeigen zu können, aber auch über die Katastrophe, die dem Kölner Stadtarchiv widerfahren ist.

Schäden wie nach einem Bombenkrieg

Trümmer des eingestürzten Kölner Stadtarchivs (Quelle: dpa)

Nur noch Trümmer: Das eingestürzte Kölner Stadtarchiv 2009. 

Unter den Trümmern in der Kölner Südstadt verschwanden Kulturgüter aus mehr als 1000 Jahren europäischer Geschichte. Rein sachlich wurden 90 Prozent des 30 Regalkilometer langen Archivmaterials begraben, darunter Urkunden ab dem Jahr 922, Ratsprotokolle seit 1322 und ein Großteil der über 800 Sammlungen und Nachlässe wie zum Beispiel des Komponisten Jacques Offenbach oder des Schriftstellers Heinrich Böll. Ideell wurde eines der größten kommunalen Archive nördlich der Alpen erschüttert, das seit dem Mittelalter existiert und als Gedächtnis der Stadt Köln angesehen wird.

Bei der Katastrophe vermischten sich Pergamente und Folianten, Noten und Siegel, Handschriften und Fotografien mit dem Schutt der zusammengebrochenen Gebäude. Einige der Bücher haben sogar Splitterschäden wie nach einem Bombenkrieg, weil sie ungeheurem Druck ausgesetzt waren. Damit verursachte der Einsturz eines neu gebauten U-Bahn-Abschnitts, der mit großer Wahrscheinlichkeit das Unglück ausgelöst hat, was dem Archiv im Zweiten Weltkrieg erspart geblieben ist.

Gefriertrockner gegen Schimmel

Unmittelbar nach dem Zusammenbruch des Kölner Stadtarchivs standen Restauratoren gemeinsam mit freiwilligen Helfern aus der Tschechischen Republik, den Niederlanden oder Belgien vor Schuttbergen. Sie hatten enorme Mengen zu bewältigen, weil komplette Gebäudeetagen in dem mit Grundwasser vollgelaufenen U-Bahn-Schacht lagen. Unter großem Zeitdruck wurden die durchnässten, völlig verschmutzen oder fast zu Staub zerbröselten Archivalien im Mehr-Schichten-Betrieb gesäubert und nasse Verpackungen durch trockene ersetzt. Die bloße Fülle der Materialien schaffte allerdings ein Platzproblem und so kamen die Sachen nach der Erstversorgung in Köln in einer prompten Notaktion zur Zwischenlagerung in 19 Archive von Freiburg bis Potsdam.

In Münster etwa wurde ein Teil der Dokumente gegen die akute Gefahr von Schimmelfraß bei nassem Papier gefriergetrocknet. Im Zeitlauf gegen die Nässe wurde das Archivgut bei einer Temperatur um minus 30 Grad Celsius und bei Unterdruck eingelagert, wodurch das Eis direkt verdampft und abgesaugt werden kann. So ist es möglich, dass Papier innerhalb von 24 Stunden trocknet.

Gerettete Dokumente in Berlin

Restauriertes Dokument aus dem Kölner Stadtarchiv. (Quelle: dpa)

Eines der geretteten und restaurierten Dokumente aus dem Kölner Stadtarchiv. 

Insgesamt wurden etwa 85 Prozent der Archivalien in sehr unterschiedlichem Zustand geborgen. Und weil es auch in Köln keine Gesetzmäßigkeit der Zerstörung gab, wurden zum Beispiel Siegel oder Tonträger aus robusten Materialien zerstört, während extrem empfindliche Urkunden aus Pergament verschont blieben.

Eines der geretteten Objekte, das nach Berlin mitgekommen ist, ist das kostbare "Liber de animalibus" des Mittelaltergelehrten Albertus Magnus. Mit dieser Handschrift hat der deutsche Theologe vor über 700 Jahren seinen Zeitgenossen die Gedanken des antiken Philosophen Aristoteles über die Lebewesen vermittelt und die moderne Naturwissenschaft vorbereitet. Außerdem kann man die Partitur "Les cinq soeurs" des Komponisten Jacques Offenbach sehen, Dokumente aus der Amtszeit von Konrad Adenauer und frühe Manuskripte des Literaturnobelpreisträgers Heinrich Böll. Seine Nobelpreisurkunde konnte sechs Wochen nach dem Einsturz des Stadtarchivs in gutem Zustand aus den Trümmern geholt werden.

Europas modernstes und sicherstes Archiv

Nach der Zeit der Bergungswunder ist in den kommenden Jahren Geduld beim Wiederaufbau des Kölner Stadtarchivs nötig. Es muss weiter gesichtet, sortiert, verzeichnet und restauriert werden. Zum Beispiel wäre es möglich, die Archivschnipsel mit einer Computertechnik zu bearbeiten, die das Fraunhofer-Institut in Berlin zur Rekonstruktion von zerrissenen Stasi-Akten entwickelt hat. Das erfordert Zeit und ist auch nicht ganz billig.

Mittlerweile werden die Kosten für die Restaurierungsarbeiten auf rund 400 Millionen Euro geschätzt und sie könnten mehrere Jahrzehnte dauern. Schneller wird voraussichtlich der neue Archivbau fertig sein: In fünf bis sieben Jahren soll Europas modernstes und sicherstes Archiv in Köln stehen.

Jana Hyner

Stand vom 05.03.2010

Dieser Beitrag gibt den Sachstand vom 05.03.2010 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

mehr Infos

Audio 03.03.10

Ein Jahr nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs

Inforadio sprach mit der Direktorin des Archivs, Bettina Schmitt-Czaia über die aktuelle Situation und die vor ihr liegenden Aufgaben. [Inforadio]

Infos im WWW

Köln in Berlin

Weitere Infos zur Ausstellung.

[berlinerfestspiele.de]

Martin-Gropius-Bau

Homepage des Museums.

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