rbb Fernsehen

rbbonline | Archiv

OZON UNTERWEGS
OZON UNTERWEGS

Mo 30.01.12 22:15

Schlachten gegen Wasser

Mancher im Oderbruch spürt, dass sein altes Kolonistenhaus noch immer auf hohem Grundwasser steht, z. B. wenn der Giebel einsinkt.

Die ältesten Balken stammen noch aus der Zeit nach dem Bau des neuen Oderbettes, als die Trockenlegung spürbar wurde und Friedrich II. in großer Eile viele Siedler ins untere Oderbruch holte und in primitiven Hütten unterbringen ließ. Die Urbarmachung des Oderbruchs wurde ein opferreicher Gewaltakt gegen die Not, aber auch der größte Landschaftseingriff seiner Zeit.

Manuskript:

Neubarnim, das längste Kolonistendorf im Oderbruch. Um 1755 waren Einwanderer aus der Pfalz, Österreich und Sachsen hier her gezogen. Der König hatte sie gerufen, ihnen Land geschenkt und das Haus dazu.

Doch noch immer kann man die einstige Sumpflandschaft spüren. Der Feldsteinsockel ist durch das hohe Grundwasser gerissen und eingesunken. Doch was wir heute sehen, ist längst nicht mehr das Original. Die ursprünglichen Häuser hatten weder einen Sockel, noch ein richtiges Fundament. Fielen bald zusammen. Anfang des 19. Jahrhunderts wurden nach dem alten Grundriss solche neuen gebaut.

1747 hatte alles begonnen. Drei Männer waren im Auftrag Friedrich II. unterwegs auf der Oder. Der königliche Kammerdirektor von Schmettau, der Mathematiker Leonhard Euler und der aus einer holländischen Deichbauerfamilie stammende Leonhard von Harlem sollten prüfen, ob man das Bruch trockenlegen kann. Harlem war längst überzeugt:

O-Ton Leonhard von Harlem:
„Ich stelle mir vor, dass auf solchen Flecken, wo jetzt einige Fische ihre Nahrung haben, künftig eine Kuh erhalten werden kann.“

Aus Wasser sollte Land werden. Harlems Plan: Die alte Oder mit ihren Nebenarmen und Sümpfen solle abgeriegelt werden, stattdessen ein neuer Kanal von Güstebiese bis Hohensaaten entstehen. Dadurch verkürze sich der Oderlauf um fast die Hälfte, erhöhe sich das Gefälle. Auf der ganzen Strecke solle es Deiche geben. Durch das alles – so die Überlegungen – könnte das Hochwasser schneller abfließen. Nur drei Tage wurde das Land vermessen, bevor Harlem an den König schrieb, die Berechnungen seien richtig. Die Vision könne Wirklichkeit werden.

Schon eine Woche darauf begannen die Bauarbeiten. Mühsam war es, den fast 40 Meter breiten Kanal zu graben. Tausende Faschinen, gebundene Kiefernbündel, mussten in den sumpfigen Untergrund gerammt werden, um die Deiche standfest zu machen. Ständig, so steht geschrieben, fehlten Arbeiter. Viele starben am Sumpffieber. Es kam zu Sabotageakten. Die Fischer, die um ihre Existenz fürchteten, schleiften nachts ihre schweren Kähne über die Deiche oder durchstachen sie gar. Alles andere erledigte der Strom selbst. Eisstauungen und Hochwasser zerstörten immer wieder das Bauwerk. Der König aber hielt an der Idee fest. Obwohl er nie vor Ort weilte, wie spätere Bilder erzählen.

1753 war die größte ingenieurtechnische Leistung jener Zeit vollbracht. Kosten und Dauer waren zwar auf das Doppelte gestiegen - statt der geplanten drei Jahre, hatte man sechs gebraucht – Doch mehr über 530 Quadratkilometer Neuland wurden gewonnen.

Eine weitere Herausforderung aber war es, sie mit Leben zu erfüllen. Straßen wurden gebaut und Häuser aus Kiefernholz. Nach einem einheitlichen Baukastensystem. Jeder Balken wurde vorgefertigt. Alles sollte schnell gehen, die Kalkulation war eng. Oft nahm man das billigste Material. Sonst hätten die Bauarbeiter gar nichts verdient. Deshalb hielten die Häuser nur wenige Jahre.

Kleinbauernhäuser waren es und solche für Großbauern. Alles, was man brauchte, lag unter einem Dach. Was heute rustikal gestaltet ist, waren damals zwei Stuben mit Kammer für die Einwanderer, auf der anderen Seite Ställe. Auf dem Boden lagerten Getreide und Heu.

Die Bausubstanz wird untersucht. Einige Balken lassen vermuten, dass sie noch aus friderizianischer Zeit stammen. In diesem Bohrkern ist das Leben des Baumes gespeichert. Unter dem Mikroskop erzählen die Jahrringe von guten und mageren Jahren und vom Alter: 130 Jahre. Ist er noch ein Original aus dem ersten Kolonistenhaus? Damals hat man viel Bauholz recycelt.

O-Ton Karl-Uwe Heussner:
Dendrochronologe
„Der Vergleich der Reihen untereinander mit der Standardchronologie zeigt, dass diese Balken wirklich noch zum ursprünglichen Bestand der Kolonistenhäuser gehören und 1758 gefällt worden sind.“

40 Dörfer waren nach der Trockenlegung im Bruch entstanden. Straßendörfer meist. Die waren am einfachsten zu bauen. Akkurat rechtwinklig auf dem Reißbrett vorgeplant. Mitten durch floss der Entwässerungsgraben. Die Fachwerkhäuser waren auf kleinen Erdwällen vor dem Wasser geschützt. Insgesamt 1250 Familien aus zig Ländern kamen. Binnen kurzem hatte sich die Einwohnerzahl im Bruch verzehnfacht.

Friedrich II. verlangte Fachwissen. Wer als Bauer arbeiten wollte, musste landwirtschaftliche Vorkenntnisse haben. Das zahlte sich aus. Schon nach zwei Jahrzehnten war aus dem siedlungsfeindlichen Sumpf eine blühende Landschaft geworden. Viehfutter wuchs auf den Wiesen, auf den Äckern wurden Getreide und andere Feldfrüchte angebaut. Nicht nur für den Eigenbedarf, sondern zur Versorgung der wachsenden Bevölkerung Berlins, zur Linderung von Hunger und Not. Bis heute hat das Oderbruch die fruchtbarsten Böden Brandenburgs.

Ein Bericht von Iduna Wünschmann.

Dieser Text gibt den Sachstand vom 30.01.2012 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

Infos im WWW

Die Eroberung der Natur

Eine Geschichte der deutschen Landschaft.
von David Blackbourn
ISBN: 978-3-570-55063-2

www.randomhouse.de

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

http://www.rbb-online.de/ozon/archiv/ozon_unterwegs_am13/schlachten_gegen_wasser.html

Fenster schließen!