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rbbonline | Kleist-Jahr 2011


Anfang und Ende eines Dichterlebens: Eine große Doppelausstellung in Frankfurt (Oder) und Berlin, den Geburts- und Sterbeorten von Heinrich von Kleist, bildet den Höhepunkt des großen Kleist-Jahres. Mit einem ungewöhnlichen Konzept nähern sich die Ausstellungsmacher dabei Kleists Leben und Werk.
Eine strahlend weiße Hose, die blauen Ärmel ziert ein Silberstreifen, das rote Wams hat blitzende Knöpfe. Doch es sind nicht die Farben dieser Uniform, die anrühren, sondern ihre Größe: Sie passt einem Kind. Diese Installation bildet den Auftakt für den Berliner Teil der Doppelausstellung "Kleist: Krise und Experiment". Der andere Standort der Schau befindet sich im Kleist-Museum in Frankfurt (Oder).
In insgesamt 25 Themenräumen - 20 Räume in Berlin, fünf in Frankfurt (Oder) beschäftigt sich die Ausstellung mit Leben und Werk von Heinrich von Kleist. Dabei führt sie den Betrachter auf emotionale Weise an den Dichter heran. So wie mit der Miniatur-Uniform: Sie steht im Zentrum des Raums mit der Überschrift "Der Kindersoldat – Traumata und Träume". Darin wird Bezug genommen auf Kleists Zeit beim Militär. Bereits als 15-Jähriger wurde dieser 1792 Gefreitenkorporal und kämpfte in der Pfalz gegen die französischen Revolutionstruppen. Eine Zeit, die ihn tief prägte – für ihn gab es einen Unterschied zwischen dem Offizier und dem Menschen. So bat er sieben Jahre später um den Abschied vom Militärdienst und damit um das Ende von "sieben unwiederbringlich verlorne Jahren", wie er selbst schrieb.
Bezug zur Gegenwart
Doch die Ausstellung stellt nicht nur Kleists Leben dar, sie schafft auch Bezüge zum Heute. So ist hinter der kleinen Uniform eine Film-Installation zu sehen, die Bilder von Kindersoldaten aus Vergangenheit und Gegenwart zeigt. "Kleist erscheint uns sehr heutig", erklärt denn auch Stefan Iglhaut, einer der beiden Kuratoren. So habe der Dichter in einer Zeit der Krise gelebt, wie auch aktuell ständig von einer Krisenzeit die Rede sei. "Deutschland beziehungsweise Preußen um 1800 glich einem Wartesaal in allen Bereichen, seien es nun Bildung oder Ökonomie", führt Kurator Günter Blamberger aus. Kleist als verarmter Aristokrat habe diese Zeit der unsicheren Umbrüche besonders deutlich gespürt – und sie in seinem unsteten Leben zum Ausdruck gebracht. "Kleist begegnete seiner Zeit mit ständig wechselnden Projekten und Lebensentwürfen", so Blamberger. Er wollte experimentieren, aufrütteln, bewegen. Auch das seien Charakteristika, die ihn besonders aktuell erscheinen lassen.
Die Unstetigkeit Kleists drückte sich nicht nur in seinen zahlreichen beruflichen Wegen aus. So versuchte er sich etwa als Soldat, Gelehrter, Beamter, Bauer, Buchhändler und Journalist. Auch sein Nomadentum passt dazu: Ein Leben lang war er unterwegs, auf der Suche nach einer Heimat. Diese Rastlosigkeit war auch eines der Probleme der Ausstellungsmacher. "Anders als bei Goethe oder Schiller, bei denen ihre Häuser erhalten sind und gezeigt werden können, hat Kleist wenig hinterlassen", so Blamberger. Dennoch sei es gelungen, 480 historische Objekte in Berlin und Frankfurt (Oder) zusammenzutragen.
Raum für eigene Interpretationen
Zu diesen Originalen gehört auch der Brief, den Kleist an seinen Freund Ernst von Pfuel schrieb. Dieses schwärmerische Dokument war der Anlass für viele Spekulationen darüber, ob Heinrich von Kleist homosexuell war. Unter der Überschrift "Männerliebe – Männerfreundschaft" wird das Thema im Berliner Teil der Ausstellung aufgegriffen. In diesem Themenraum liest eine Stimme die empfindsamen Zeilen vor, während auf einer Leinwand Schwarz-Weiß-Bilder von zwei jungen Männern zu sehen sind, die an einem Strand herumtollen. Auf diese Weise sagt die Schau nicht explizit, der Dichter sei schwul gewesen, bezieht aber doch Stellung und lässt Raum für die eigene Interpretation.
Diese Didaktik zieht sich durch die gesamte Ausstellung. "ir wollten nicht nur Zeiten identifizieren, sondern offene Denkräume schaffen", beschreibt es Blamberger. Zu diesem Zweck habe man eine Mischung aus Ausstellung und Theateraufführung entwickelt: Zentral inszenierte Objekte, fast schon Bühnenbilder, die auf den ersten Blick nur illustrieren und dann doch irritieren – und so zum Nachdenken anregen. So etwa die langen Regalreihen mit grauen Aktenmappen, die im Themenraum "Unter Reformern in Königsberg" stehen. Sie veranschaulichen Kleists letztendlich abgebrochene Bemühungen, eine Beamtenlaufbahn einzuschlagen. Auf den zweiten Blick wirken die vollbepackten Regale in ihrer Strenge und Farblosigkeit nahezu bedrohlich.
Zugang durch Emotionen
Es ist ein Ausstellungskonzept, auf das man sich einlassen muss. Denn anders als in üblichen biografischen Schauen werden so keine klar erfassbaren Zugänge geschaffen – die Betrachter erarbeiten sich den Dichter fast schon eigenständig, individuell und auf emotionale Weise. Dabei werden sie von Heinrich von Kleist selbst geführt: Ein Audioguide, in dem Zitate des Dichters vorgelesen werden, ergänzt die unterschiedlichen Räume.
Es ist eine elegante und zugleich innovative Lösung, Heinrich von Kleist mit seinen vielen Identitäten und seiner komplexen Persönlichkeit zu erfassen. Dabei konzentriert sich der Frankfurter Teil der Ausstellung auf Kleists Sprache, die fast schon symbiotische Beziehung zu seiner Halbschwester Ulrike sowie sein Verhältnis zum Geld. Im Berliner Teil der Schau geht es um die Katastrophen und Traumata, die Kleists Leben bestimmten. Durchaus chronologisch beginnen sie mit seiner Zeit als Kindersoldat und den folgenden Glücks- und Selbstfindungsstrategien, etwa in einem begonnenen Studium oder dem Reisen. Im zweiten Teil geht es um die Verarbeitung der Niederlage Preußens gegen Napoleon – auf der persönlichen Ebene Kleists. Dafür wird zum Beispiel das Kapitel aufgeschlagen, in dem er die Tageszeitung "Berliner Abendblätter" gründete. Im dritten Teil "Ökonomie des Opfers" steht Kleists Selbstmord im Mittelpunkt.
Facetten eines komplexen Charakters
Obwohl dieser Suizid rein räumlich auf der dritten Etage über allem thront, ist er doch nicht zentraler Bezugspunkt. Dabei wird gerade dieser Selbstmord in vielen Biografien Heinrich von Kleists als einzig mögliche Folge seines Lebens gesehen. Für Kurator Blamberger eine unzulässige Herangehensweise: "Kein Leben führt zielgerichtet auf einen Punkt hin, wer es in einer Rückschau so beschreibt, lügt."
Man könne Kleists Leben, das mit bereits 34 Jahren endete, nicht als gescheitert betrachten, vielmehr habe er die ihn umgebenden und bestimmenden Katastrophen abgebildet. Diese Katastrophen, aber auch Kleists Experimente, seine Vorstellungskraft und Komplexität werden in der Doppelausstellung als Facetten eines äußerst modernen Charakters dargestellt.
Alice Lanzke
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
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